Tierische Reise

Während Nashorndame Clara und die anderen exotischen Tiere von Jean-Baptiste Oudry ihren glanzvollen Auftritt im Staatlichen Museum Schwerin feiern, haben in den Schlössern Güstrow, Schwerin und Ludwigslust ebenfalls seltene Tiere Einzug gehalten. Die drei Begleitausstellungen sollen auch den Museumsverbund der vier Häuser stärken. Man kann bei der Safari durch die Schlösser aber nicht nur Kunst besichtigen, sondern auch die Probleme der Museen.

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16. Mai 2008, 10:21 Uhr

Michaela ChristenKann Kunst ein Erlebnis für alle sein? Sie kann. Punkt 10 Uhr stehen wir vor dem Renaissanceschloss Güstrow. Die Ausstellung „Einhorn, Elefant und Löwe“ lockt. Nicht nur uns, sondern auch eine Schulklasse aus Wittenberge.

Überrascht blicken die Kinder auf den Fußboden. Sie sehen braune Elefantenspuren. Pferd, Einhorn, Leopard und Nashorn sind offenbar auch schon da gewesen.

Kunsterlebnisse in der Kindheit sind prägend

Die Kinder packt die Abenteuerlust. Sie folgen den Spuren durch das Güstrower Museum. Und schon stehen sie vor den Tierbildern des Antwerpener Malers Maerten de Vos (1532-1603).
„Wir begleiten jede Ausstellung mit einem speziellen Programm für Kinder“, sagt Schlossleiterin Regina Erbentraut. „Kinder haben einen sehr unverstellten Blick auf Kunst. Und was wären wir selbst, ohne prägende Kunst-erlebnisse in unserer Kindheit?“ Deshalb wird es auch am Internationalen Museumstag Aktionen für Kinder geben.

Viel älter als die Menagerie von Oudry

Die zehnteilige Tier-Serie des Holländers Maerten de Vos war einst für die Wandvertäfelung des Schweriner Schlosses bestimmt. Heute hängen nur noch vier Gemälde in Güstrow – Elefant, Einhorn, Leopard und Dromedar. Löwe und Hirsch, inzwischen im Landesmuseum Mainz, sind nur als fotografische Reproduktionen zu sehen. Die anderen Gemälde sind verschollen.
Vermutlich ließ Herzog Johann Albrecht I. (1525-1576) die Tierserie malen. Zu einer Zeit, als an den heute so gefeierten Franzosen Jean-Baptiste Oudry und seine lebensgroßen Tiere aus dem Tierpark von Versailles noch gar nicht zu denken war. Oudrys gemalte Menagerie entstand erst 160 Jahre später.

Das Einhorn hat es den Kindern besonders angetan. Aber warum hängt das Fabelwesen neben Tieren, die es tatsächlich gibt? Wusste der Maler denn nicht Bescheid? „Es war durchaus üblich, Fabelwesen als real existierend abzubilden. Das ist typisch für diese Zeit, in der Mythen und Wirklichkeit gern vermischt wurden, erst recht in der Kunst“, sagt Regina Erbentraut.

Schloss und Ausstellung als Gesamtkunstwerk
Wer den Tierspuren weiter durch Schloss Güstrow folgt, wird noch mehr interessante Entdeckungen machen: So sind in der „Kleinen Galerie“ Jagd-und Tierkampf-Szenen des Niederländers Jan van der Straet (1523 - 1605) zu sehen. Die Motive wurden im 16. Jahrhundert als Kupferstiche so populär, dass sie später von vielen Kunsthandwerkern für Dekorationszwecke kopiert wurden. Auch im Güstrower Schloss selbst: Die Stuckdecke im Festsaal besteht aus dreidimensionalen Nachbildungen dieser Jagdszenen.

Faszinierend, wie hier Schloss und Ausstellung zum Gesamtkunstwerk verschmelzen. Bezugspunkte wie diese gibt es viele in den vier Häusern des Museumsverbundes. Und wenn man so will, dann sind die Schlösser selbst die größten Ausstellungsstücke. Ein gemeinsamer Werbeauftritt, der mit der Oudry-Ausstellung erstmals geprobt wird, scheint daher auf der Hand zu liegen. Doch Geld für Werbung ist knapp. Der Etat im Staatlichen Museum ist so klein, dass für manche Sonderausstellungen nicht einmal Werbeflyer gedruckt werden konnten.

Kryptische Werbekampagne für die neue Dachmarke
Auch dank privater Spenden ist es bei der Oudry-Schau anders. Für die Werbeaktion zur neuen Dachmarke stehen rund 50 000 Euro zur Verfügung. Mit MetaDesign wurde eine der renommiertesten deutschen Werbeagenturen engagiert. Doch die Kampagne wirft Fragen auf: Warum sind die Schlossabbildungen auf den weißen Fahnen so winzig wie Briefmarken? Warum ist die Schriftmarke so schwer lesbar und der Informationsgehalt der Faltblätter so dürftig?

„Die Kampagne setzt bewusst auf das Kryptische“, verteidigt die Schweriner Museumschefin Kornelia von Berswordt-Wallrabe den neuen Werbeauftritt.

So verrät das neue Faltblatt nicht einmal Öffnungszeiten und Eintrittspreise. Statt dessen wird auf Telefon und Internet verwiesen. „Die Kampagne ist modern und für junge Leute bestimmt. Die haben doch Laptop und Handy immer dabei“, sagt die Museumschefin. Wir wenden uns den „Biestern, Monstern und Ungeheuern“ im Schweriner Schloss zu. Hinter dem zugkräftigen Ausstellungstitel verbirgt sich eine unscheinbare Ausstellung in der Fürsten-Bibliothek, die beim großen Schlossrundgang sicher etwas untergeht.

Begegnung mit dem Schlangenkönig

Zu sehen sind frühe zoologische Buchdrucke aus dem 14. Jahrhundert, in denen sich sonderbare Fabelwesen tummeln: Der Schlangenkönig Basilisk, dem Joanne K. Rowling in ihrer Harry-Potter-Saga neues Leben einhauchte, hält hier Audienz. Seltsame Mischwesen bevölkern die Buchseiten – ein Fisch mit Pferdekopf, ein Vogel mit Hasenohren, ein Mönch mit Fischschwanz.
Auch dem sagenhaften Einhorn begegnen wir wieder: Susanne Klett macht uns auf das reich bebilderte „Thierbuch“ des Arztes und Naturforschers Conrad Gesner (1516-1565) aufmerksam. Der hatte das Fabelwesen schon 1551 als Hirngespinst entzaubert. Seiner Meinung nach hat man das Einhorn schon in der Antike verwechselt – mit dem indischen Nashorn.

Und wieder schließt sich ein Kreis: In Schloss Ludwigslust, der letzten Station unserer tierischen Reise, sollen ab 2010 die prachtvollen Tiere von Oudry ihren endgültigen Platz finden. Schon von weitem leuchtet uns die frisch renovierte Sandsteinfassade der barocken Jagdresidenz entgegen.

Draußen renoviert, doch drinnen bröckelt der Putz
Drinnen bröckelt allerdings der Putz. Die Treppen in das zweite Obergeschoss sind marode. In den Räumen klebt noch die 70er-Jahre-Tapete des Rates des Kreises. Sie stehen seit Jahren leer, obwohl das Museum dringend Ausstellungsflächen benötigt. Nur zwölf Prozent der Sammlungs-Bestände können überhaupt gezeigt werden.
Mindestens zehn Millionen Euro soll die Restaurierung der Schloss-Innenräume kosten. Angefangen hat sie noch nicht, obwohl Oudrys Menagerie bereits 2008 nach Ludwigslust zurückkommen sollte.

Ein Heinz Sielmann der Aufklärung

„Die Rückkehr der Oudry-Sammlung nach Ludwigslust wäre richtungweisend für die Zukunft unseres Hauses, das bisher eher ein Schattendasein führt“, sagt Museumsleiter Peter Krohn. Er führt uns durch die Ausstellung „Schaulust und Naturstudium“ mit 35 Radierungen des Tiermalers Johann Elias Ridinger (1698-1767).

Der Zeitgenosse des Franzosen Oudry muss so etwas wie der Heinz Sielmann der Aufklärung gewesen sein – äußerst produktiv, ein exzellenter Beobachter. Seine Arbeiten versah er gern mit den Spuren der dargestellten Tiere. Es sind dieselben, die uns durch das Güstrower Museum geführt haben. Unwillkürlich gleitet unser Blick von den Bildern auf das Schlossparkett.
Nein, hier gibt es keine Spuren, dafür hat der Museums-Pädagoge ein Spiel entwickelt, bei dem die Kinder Ridingers Tieren die richtigen Fährten zuordnen können.

Mitmachaktionen werden heutzutage in den Museen großgeschrieben. Feiern übrigens auch: Zum Barockfest am Wochenende werden wieder Tausende Besucher in Ludwigslust erwartet.
Die AusstellungenStaatliches Museum Schwerin: bis 27. Juli „Oudrys gemalte Menagerie“, Schloss Güstrow: bis 27. Juli „Einhorn, Elefant und Löwe“, Schloss Schwerin: bis 29.6. „Biester, Monster, Ungeheuer“, Schloss Ludwigslust: bis 22.6. „Schaulust und Studium bei Johann Elias Ridinger“. Verbundticket für alle Ausstellungen: 14 Euro.

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