Tierheimen geht es hundeelend

Hallo, ich bin Jenny, eine schwarze Terrier-Mix-Hündin. Ich bin 12 Jahre alt. Weil ich Diabetes habe, benötige ich zweimal Insulin am Tag. Sehen kann ich leider auch nicht mehr, aber meine Nase zeigt mir ja den Weg. Gassi-Gehen ist also kein Problem. (NB)
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Hallo, ich bin Jenny, eine schwarze Terrier-Mix-Hündin. Ich bin 12 Jahre alt. Weil ich Diabetes habe, benötige ich zweimal Insulin am Tag. Sehen kann ich leider auch nicht mehr, aber meine Nase zeigt mir ja den Weg. Gassi-Gehen ist also kein Problem. (NB)

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28. August 2010, 06:26 Uhr

Rostock | Angst. Das ist das Gefühl, mit dem sich Dagmar, eine schwarze, großgewachsene, schlanke Dogge, jeden Tag herumplagt. Wenn sich jemand ihrem Zwinger nähert, geht sie in Deckung. Dem Blick eines Menschen kann sie nur schwer Stand halten. Vermutlich wurde die etwa dreijährige Hündin vom Vorbesitzer misshandelt. Als sie ins Tierheim nach Schlage bei Rostock kam, "war sie nur noch Haut und Knochen. Heute geht es ihr schon viel besser", erzählt Norbert Schlösser, einer der drei hauptamtlichen Mitarbeiter.

Dagmar ist - wie so viele andere Tiere in den 18 Heimen Mecklenburg-Vorpommerns auch - ein Findelkind und ein so genannter Notfall, der wegen seiner Verhaltensauffälligkeit schwer an ein neues Herrchen oder Frauchen zu vermitteln ist. Ihren Namen hat sie im Tierheim bekommen. "Das machen wir bei jedem Hund und bei jeder Katze sofort. So geben wir ihnen symbolisch ihre Würde zurück", sagt Schlösser.

Auch er hat Angst, macht sich Sorgen um sein Tierheim in Schlage. Alle Institutionen im Land sind an ihre Grenzen gelangt. Es kommen immer weniger Spenden, dafür aber immer mehr Tiere. Die Einrichtung in Neubrandenburg zum Beispiel habe laut Dirk Kröning zwar das große Glück, von der Stadt finanziert zu werden. "Aber das reicht hinten und vorne nicht. Und auch die Spendenbereitschaft ist leicht rückläufig", so der Leiter.

Das Heim in Hagenow musste der Tierschutzverein sogar bereits aufgeben. Zum Glück hat sich mit Karin May schnell eine neue Eigentümerin gefunden, die schon seit Jahren eine Tierpension führt. "Ich musste nicht lange überlegen, ob ich das Heim kaufe. Ich tue das für die Tiere", sagt sie.

Die Örtlichkeiten in Hagenow sind vergleichsweise klein. Sieben Hunde und 24 Katzen warten hier auf ein neues zu Hause. Dazu kommen über 40 Katzenjunge. Zum Vergleich: Das Tierheim in Schlage ist mit 280 Plätzen für Hunde, Katzen und andere Kleintiere das größte in Mecklenburg-Vorpommern. Doch dieser Sommer hat alle negativen Rekorde noch überboten. In der Spitze wurden dort in den vergangenen Wochen mehr als 400 hilfebedürftige Geschöpfe gleichzeitig versorgt. "So schlimm war es noch nie", bedauert Norbert Schlösser.

Und der Ansturm auf das 20 000 Quadratmeter große Gelände reißt nicht ab. Auf dem Schreibtisch von Regina Groß, der Leiterin des Tierheims, steht ein kleiner Holzklotz, auf dem senkrecht ein Nagel in die Höhe ragt. Auf ihn aufgespießt sind etliche kleine Zettel. "Das ganze Elend auf einen Nagel", wie Schlösser sagt. Denn das alles sind weitere Voranmeldungen von Menschen, die mit ihrem Haustier nicht mehr klar kommen können oder wollen - in den vergangenen Tagen waren es allein über 50. "Wir müssen diese Leute vertrösten und ihnen sagen, dass wir versuchen zu helfen. Denn auch das ist Verantwortung: Nein zu sagen. Sonst hat das nichts mehr mit Tierschutz zu tun, was wir hier machen. Wir müssen ja alles sauber halten, die Tiere füttern und sie pflegen", sagt Norbert Schlösser.

Mit "wir" meint er nicht nur sich, seine anderen beiden festangestellten Kollegen und die 25 ehrenamtlichen Helfer - von Schülern über Rentner bis hin zu Strafgefangenen aus der Justizvollzugsanstalt Waldeck. Schlösser ist auch froh über jeden Paten und über jede Spende, die das Tierheim hat und bekommt. Denn nur dadurch wird die Einrichung finanziert. Alle Heime in MV erhalten zusammen rund 300 000 Euro pro Jahr vom Land und von den Kommunen. Eine Grundsicherung wäre allerdings erst mit etwa 1,5 Millionen Euro erreicht, heißt es vom Landesvorsitzenden des Tierschutzbundes Dietmar Bonny.

"Das Spendenaufkommen für unser Heim in Schlage reicht nicht mehr, um alle Tiere satt zu kriegen", sagt Schlösser. Geringe Einnahmen kommen zwar auch rein, wenn Tiere abgegeben oder mit nach Hause genommen werden. Aber das reiche nicht aus, für die Kosten, die während des Aufenthalts entstehen - vor allem, wenn die Vierbeiner noch in ärztliche Behandlung müssen.

Und das ist leider oft der Fall. Welpen in zugeklebten Pappkartons, junge Kätzchen im Altkleidercontainer, Hunde mit abgeschnittenen Ohren oder eingewachsenem Halsband - die Halter kennen keine Skrupel. Schlösser bezeichnet das als Wohlstandsmüll: Erst wolle man unbedingt ein Tier haben, ohne sich Gedanken über die Kosten zu machen. Und dann werde die arme Kreatur einfach abgeschoben, wenn es zu teuer wird.

Zum Glück gibt es noch Bürger mit einem großen Herz für Tiere. Täglich kommen Interessenten ins Heim. Sie alle suchen einen neuen Wegbegleiter, einen besten Freund, jemanden, der sich freut, wenn man nach Hause kommt - eine tolle Aufgabe. Denn all das, sagt Schlösser, bieten Haustiere doch den Menschen. Beate und Torsten Rudolf haben auf dem Weg von Neustrelitz nach Warnemünde extra in Schlage angehalten, um sich einen Hund auszusuchen. Ein Malteser soll es sein, oder ein Cesar-Hund. "Er muss klein und darf nicht seekrank werden, denn in unserer Freizeit fahren wir gerne Boot", sagt sie. Schlösser denkt sofort an Sammy und stellt die drei einander vor. Der elfjährige Hund ist begeistert, wedelt mit dem Schwanz. Dass der Vierbeiner schon einiges mitgemacht hat, sieht man an seinem Fell. Das stört Beate Rudolf aber nicht. Wohl aber, dass er schon elf Jahre alt ist. "Jünger wär schon besser, man erzieht sich den Hund ja auch", begründet sie.

So denken leider zuviele. Norbert Schlösser versucht deshalb, das Ehepaar von Sammys Qualitäten zu überzeugen. Doch der Funke ist nicht übergesprungen, zumindest nicht beiderseits. Für den Westi ist das besonders schlimm. Jedesmal, wenn sich ihm ein potentielles neues Herrchen vorstellt, hofft er, endlich mitgehen zu können. Endlich wieder eine Familie gefunden zu haben. Aber vorerst muss er wieder zurück in seinen Zwinger. Allein.

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