Tiefschläge in Serie

von
01. Juli 2010, 11:52 Uhr

Berlin | Christian Wulffs Lächeln gefriert. Angela Merkel faltet die Hände und ringt um Fassung. 615 Stimmen - auch im zweiten Wahlgang gescheitert. Zweiter Tiefschlag für Merkels Kandidat. Immerhin mehr Stimmen als zuvor, aber für die absolute Mehrheit immer noch zu wenig. Das Zittern geht weiter, die Hoffnung auf die Last-Minute-Wahl bleibt.

Doch schon jetzt steht fest: Nicht nur Wulff, auch Merkel ist beschädigt, die Schlappe in der Bundesversammlung ist mehr als ein Schönheitsfehler. Die Kanzlerin muss um ihre Mehrheit bangen. Die Koalition steht nur noch auf wackligen Füßen. Das erhoffte Aufbruchsignal für Schwarz-Gelb ist dahin, den erhofften Schub für den schwarz-gelben Neustart wird es nicht geben. Die Präsidentenwahl wird zur Zitterpartie. Merkel steht mächtig unter Druck.

Ehefrau Bettina leidet oben auf der Tribüne mit

Christian Wulff läuft puterrot an. Entsetzen, Enttäuschung, der Traum vom K.O.-Sieg in der ersten Runde ist geplatzt. Ehefrau Bettina leidet oben auf der Besuchertribüne mit. Jubel bei SPD, Grünen und Linkspartei, lange Gesichter in den Reihen von Union und FDP. Sofort ist klar: Es wird ein langer Tag im Reichstag, es wird eng, und es geht um die Zukunft der schwarz-gelben Koalition.

Nur 600 Stimmen im ersten Wahlgang für Wulff, 23 fehlen zur notwendigen absoluten Mehrheit, 44 Abweichler in den Reihen der Koalition - Schlappe für den Kandidaten, Der Schock sitzt tief, Merkel senkt den Blick, Wulff blickt sich um, als ob er Halt suche.

Plötzlich ist sie da, die Angst vor dem Scheitern. Plötzlich ist es vorbei mit der Klassenausflugsstimmung. Aus dem fröhlichen Polit-Event wird plötzlich ein ernstes, spannendes Drama. Ende der freundlichen Plaudereien. Der Krimi geht weiter, die Präsidentenwahl wird zur Zitterpartie.

FDP-Minister versichern eilig, an den Liberalen habe es nicht gelegen. "Die FDP hat gestanden", sieht Wirtschaftsminister Rainer Brüderle die Abweichler beim Koalitionspartner.

Gelächter in den eigenen Reihen reizt Merkel

Noch läuft die Wahl, da haben die Schwarzer-Peter-Spiele bereits begonnen. Wie in einem Trauermarsch bewegen sich vor allem die Wahlmänner und -frauen der Union in ihren Fraktionssaal über dem Plenum. Der Sektempfang und das Buffet müssen warten. Dem einen oder der anderen ist inzwischen eh der Appetit vergangen. Mit einem dramatischen Appell versucht Merkel, noch einmal ihre Wahlleute auf Wulff einzuschwören. "Wir sind eine Gemeinschaft von Gleichgesinnten", appelliert die Kanzlerin an den Korpsgeist.

Die Nervosität bei Wulff, Merkel und Schwarz-Gelb steigt. Jeder müsse sich genau überlegen, was für ein Signal das Scheitern Wulffs wäre, warnt Merkel. Schallendes Gelächter dann als sie Wulff dafür dankt, dass er für einen zweiten Wahlgang bereit stehe. Die Kanzlerin kontert gereizt: Dies sei nicht selbstverständlich und zu würdigen. Pflichtschuldiger Applaus von den Unionswahlleuten.

Um Abweichler noch auf Linie zu bringen, ist es jetzt zu spät. "Es wird wohl einen dritten Wahlgang geben", sind viele Unionswahlleute pessimistisch und sollen recht behalten."Es geht auch um die Koalition", warnt CDU-Mann Wo Bosbach.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen