Theater um Theaterzukunft

Zukunftsvision: Nach dem Theaterkonzept des Bildungsministeriums sollen die Bühnen Rostock und Schwerin langfristig einen „Kulturkooperationsraum bilden.
Zukunftsvision: Nach dem Theaterkonzept des Bildungsministeriums sollen die Bühnen Rostock und Schwerin langfristig einen „Kulturkooperationsraum bilden.

Für die Leiter der Theater kam die Aufdeckung der Reformpläne des Kultusministeriums mitten in der Urlaubszeit. Keine Erhöhung der Landeszuschüsse, dazu auf lange Sicht Schließungen und Zusammenschlüsse und ein Ultimatum an die Kommunen, sich zu einer 50-prozentigen Beteiligung zu verpflichten: Diese Pläne erreichten die Intendanten dennoch. Und politische Munition schmieden lässt sich aus der Kabinettsvorlage auch Optimistisch zeigte sich aber ein Intendant, der noch gar keiner ist – der als künftiger Künstlerischer Leiter des Rostocker Volkstheaters gehandelte Spitzendirigent Peter Leonard.

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22. August 2008, 07:37 Uhr

Schwerin/Rostock - Es sei „seit langem fällig gewesen, dass sich die Landespolitik mit der zukünftigen Struktur der Theaterlandschaft in MV beschäftigt“, betonte Peter Leonard. Der renommierte Dirigent aus den USA ist seit dem Rausschmiss von Generalintendant Steffen Piontek als künftiger Künstlerischer Leiter des Rostocker Volkstheaters im Gespräch. Am 26. August will der Hauptausschuss der Rostocker Bürgerschaft über Leonards Anstellungsvertrag entscheiden.

Aber unter welchen Bedingungen? Das von unserer Zeitung aufgedeckte Theaterkonzept der Landesregierung, das Kultusminister Henry Tesch (CDU) am Dienstag im Kabinett vorlegen will, sieht langfristig gar kein eigenständiges Rostocker Theater mehr vor und plant auch eine Verschmelzung der Schweriner Staatskapelle mit der Norddeutschen Philharmonie (siehe Infokasten).

Bis eine feste Entscheidung über die zukünftige Leitung des Volkstheaters einerseits und das Theaterkonzept des Landes andererseits feststehe, wolle er sich zu Details gar nicht äußern, sagt Peter Leonard. „Wichtig ist, dass man generell zum Theater in Rostock steht.“ An seiner Bereitschaft, in Rostock die Künstlerische Leitung zu übernehmen, habe das Bekanntwerden des Theaterkonzeptes nichts geändert. Aus den Vereinigten Staaten sei er es gewohnt, dass der Kulturbereich „um jeden Pfennig betteln muss“, so Leonard. Ein Intendant dürfe nicht nur mehr Geld fordern, „das wäre völlig unsinnig“, sondern müsse Qualität liefern. Grundsätzlich sei er aber kein Gegner von Fusionen und Kooperationen, so Leonard, „man muss das aber genau durchdenken und nicht eine Zahl X oder Y vorgeben.“

Und dazu auch über die Grenzen der eigenen Bühne hinausblicken: „Wenn ich Intendant werden sollte, wäre meine erste Amtshandlung, meine Kollegen in den anderen Häusern anzurufen, damit wir uns mal an einen Tisch setzen.“ Allerdings sei die Theaterszene des Landes bereits sehr effizient aufgestellt: „Was Joachim Kümmritz in Schwerin und Anton Nekovar in Vorpommern leisten, ist in der deutschen Theaterszene hoch anerkannt.“ Angesichts der Forderungen des Theaterkonzeptes nach einer Zusammenarbeit der Theater Schwerin und Rostock gab Leonard zu bedenken, dass „die Entfernung zwischen den Städten nicht gerade klein ist“.

Der SPD-Landtagsabgeordnete Gottfried Timm dagegen, der in Schwerin für das Amt des Oberbürgermeisters kandidiert, erteilte dem Konzept des CDU-Ministers eine Absage: „Eine Fusion Rostock-Schwerin ist absurd.“ Das Staatstheater sei ein gesundes Haus, das Volkstheater krank. „Eine Fusion rettet nicht die Kulturlandschaft Westmecklenburg“, so Timm. Es gebe noch viel Diskussionsbedarf, das jetzige Konzept „halte ich für den falschenWeg“.

OB-Wahlkampf in Schwerin, Urlaubszeit an den Bühnen, Interregnum am Rostocker Volkstheater – die Enthüllung des Theaterkonzept-Entwurfes kam für viele Beteiligte unerwartet. Joachim Kümmritz, Generalintendant des Staatstheaters Schwerin, gab sich im Frankreich-Urlaub aber gelassen. Immerhin liege jetzt endlich etwas auf dem Tisch. Kümmritz: „‚Das ist ein Angebot des Landes, vernünftig miteinander zu reden.“ Die Theater könnten nicht „15 Jahre lang so ein Papier fordern und dann sofort darauf einschlagen“, so Kümmritz. Phase zwei des Landeskonzeptes mit der anvisierten Kooperation der Bühnen Rostock und Schwerin samt Verschmelzung der Orchester wollte der Generalintendant nicht kommentieren: „Bis ins Jahr 2020 wage ich erst mal nicht zu denken.“ Klar sei aber: Auch ein festgeschriebener Landeszuschuss von 35,8 Millionen für alle Theater im Land werde durch steigende Kosten „immer weniger“. Und: „Das Staatstheater arbeitet an der Leistungsgrenze. Wenn wir zusätzliche Spielstätten bedienen müssen, bedeutet das weniger Theater in Schwerin.“

Scharfe Kritik an den Eckpunkten der geplanten Theaterreform gab es seitens der Opposition im Landtag. „Der Imageverlust für das Kulturland Mecklenburg-Vorpommern ist jetzt schon programmiert“, erklärte die Landtagsabgeordnete Angelika Gramkow – die in Schwerin als Oberbürgermeister-Kandidatin antritt. Theater-Kooperationen halte aber auch die Linke für notwendig, betonte Gramkow: „So stehe ich zu einer Kooperation mit dem Theater in Parchim. Ich bin auch dafür, dass sich die anderen umliegenden Landkreise an der Finanzierung des Staatstheaters Schwerin beteiligen.“

Ein von Torsten Koplin, kulturpolitischer Sprecher der Linkspartei-Landtagsfraktion, verfasstes Thesenpapier allerdings fordert die völlige Erhaltung der bestehenden Theater. „Für weitere Fusionen besteht kein Anlass“, so der Text. Weitere Forderung: Eine Aufstockung des 35,8-Millionen-Zuschusses um 2,5 Prozent jährlich, ein durch Einsparungen bei der Wirtschaftsförderung finanziertes Sonderinvestitionsprogramm „Kulturbauten“ und eine Beteiligung der Umlandkommunen an der Theaterfinanzierung, die im Gegenzug ein Mitspracherecht bei der Spielplan-Gestaltung bekommen sollen.

In Rostock geht das Drama um künftige Intendanten und Spartenschließungen unterdessen weiter. In einem Offenen Brief fordert der Theater-Förderverein von Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos): „Machen Sie endlich Schluss mit der kulturpolitischen Konzeptionslosigkeit zum Volkstheater.“ Auch der designierte Intendant solle sich nicht zum „Erfüllungsgehilfen“ machen lassen, heißt es. Der Vorstand des Vereines appelliert an Peter Leonard, keinen Anstellungsvertrag anzunehmen, der nicht ein Vier-Sparten-Theater garantiert.


Hintergrundinfo


In der ersten Stufe sieht das Konzept vor, bis 2012 die regionalen Theater zu vier Standorten zu fusionieren: Anklam/Stralsund/Greifswald und Neubrandenburg/Neustrelitz inklusive der Tanzkompanie Neustrelitz. Die Bühne Parchim verliert ihre Eigenständigkeit und soll vom Staatstheater Schwerin bespielt werden. Unberührt bleibt zunächst das Volkstheater Rostock. „Die Einsparten- und Bespieltheater Parchim, Anklam, Tanzkompanie, Wismar und Güstrow erhalten bereits in der ersten Stufe keine gesonderten Mittel“ des Landes mehr, so die Vorlage.

In einer zweiten Stufe bis 2020 soll ein „Kulturkooperationsraum“ mit dem Staatstheater Schwerin und dem Volkstheater Rostock sowie Parchim und Wismar entstehen. Mecklenburgische Staatskapelle und die Norddeutsche Philharmonie fusionieren zu einem A-Orchester mit 99 Stellen. In Vorpommern ist ein zweiter Kooperationsraum geplant. Aus den dortigen Orchestern entsteht ein B-Klangkörper mit 66 Stellen.

Mit Fusionen und den steigenden Personalkosten kalkuliert das Landeskonzept einen Stellenabbau ein. Zugleich fordert das Papier, offenbar mit Blick auf die Sparpläne in Rostock, eine Mindestfinanzierung durch die Kommunen von 50 Prozent und stellt das Ultimatum, dass seine Zusagen nur gelten, wenn mit den großen Theaterkommunen „bis 31. 12. 2008 eine Lösung ... erreicht werden kann“.

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