Teurer Liebeskummer

Halb Mitteleuropa im Ausnahmezustand: Mit einer SMS setzte eine angeblich entführte Frau eine gewaltige Polizeimaschinerie in Gang, auch MV war betroffen - jetzt wird es teuer.

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24. April 2009, 06:41 Uhr

Würzburg | Aus dem Hubschrauber suchen Polizisten jeden Meter Autobahn ab, über Grenzen hinweg laufen die Telefone in den Einsatzzentralen heiß. "Halb Mitteleuropa", sagt ein Sprecher der Polizei in Würzburg später, ist am Donnerstagnachmittag auf der Suche nach einer angeblich entführten Frau. Gefunden wird die 35 Jahre alte Holländerin schließlich am Abend alleine in ihrem Auto, auf der Autobahn 3 bei Würzburg. Da kommen die ersten Zweifel an der Geschichte auf. Und tatsächlich stand gestern fest: Die Frau hat die Entführung vorgetäuscht. Sie steckte in einer Beziehungskrise, hatte Liebeskummer. Sollte sie den Großeinsatz der Polizei bezahlen müssen, hat sie bald statt eines Gefühlschaos ein Finanzchaos.

"Das war fast wie bei einem Räuber-und Gendarm-Spiel", sagt Heiko Sauer vom Polizeipräsidium Unterfranken. Mit einer SMS hatte die Frau die fast schon filmreife Jagd in Gang gesetzt. Los ging es am Donnerstagmittag, als die Holländerin ihre Familie per Handy- Nachricht informierte, sie sei von zwei Männern aus Osteuropa entführt worden. Vermutlich sei sie Richtung Deutschland unterwegs.

Zunächst startete die Polizei in den Niederlanden die Suche. "Über die Netzwerke, die die Polizei eingerichtet hat, geht das dann weiter, über Gebiets- und Ländergrenzen hinweg", berichtet Sauer. Gut zu tun hatten neben den niederländischen Kollegen vor allem die Polizisten in Niedersachsen, Hessen,Bayern und auch in Mecklenburg-Vorpommern. "Wir waren ständig über den Ermittlungsstand informiert, aber nicht in Alarmbereitschaft", sagt Klaus Wichmann, Sprecher der Polizeidirektion Schwerin. In einem Stau auf der A3 bei Heidingsfeld, in der Nähe von Würzburg, entdeckten die Einsatzkräfte schließlich das Auto des vermeintlichen Entführungsopfers. Sofort zuschlagen konnte das Spezialkommando nicht: Man rechnete mit zwei bewaffneten Entführern. "Die Polizei ist bei so etwas sehr vorsichtig, denn die Geisel soll ja nicht gefährdet werden", sagt Sauer. Die Beamten pirschten sich heran - im Auto saß dann aber plötzlich nur die Frau. "Da hat jeder gestandene Polizist, der dabei war, schon gedacht: Da stimmt doch was nicht." Erst bestreitet die 35-Jährige noch alles. Sie sagt, die Entführer hätten sie alleine gelassen. Am späten Abend aber gesteht sie.

Jetzt droht der liebeskranken Frau in den Niederlanden ein Strafverfahren wegen des Vortäuschens einer Straftat. Parallel werden in Deutschland zivilrechtliche Forderungen angestoßen. Die Frau muss vielleicht die Kosten für den Großeinsatz tragen. Trotz des ganzen Ärgers hat die Polizei ein bisschen Mitleid mit der Frau: "Wenn man in einer emotionalen Krise steckt, denkt man oft nicht so an die Folgen von dem, was man tut.

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