Helga Weihs macht in Güstrow die Räume des Wirtschaftsgebäudes erfahrbar : Tektonik des Vergangenen

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Eigentlich hat die Kunst alle Freiheiten und doch begrenzt sie sich manchmal auf ein Minimum. Auch in Güstrow ist das der Fall, wo Helga Weihs gerade die Räume des ehemaligen Wirtschaftsgebäudes bespielt.

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12. November 2010, 11:48 Uhr

Früher wurde hier das Essen und die Wäsche gemacht. Heute finden Ausstellungen statt. Während im Obergeschoss vor allem ältere Arbeiten der 1952 in Schwalefeld/ Waldeck geborenen Künstlerin zu sehen sind, hat sie für die großen Räume im Erdgeschoss zwei ganz neue Werke geschaffen.

Grundriss-Nachbau wirkt wie ein Gehege

Im westlichen Gewölbesaal hat Weihs mit einer Konstruktion aus Holzlatten den Grundriss des Wirtschaftsgebäudes im Maßstab 1:6 nachgebaut. Das Rot des afrikanischen Bubinga-Holzes spielt auf die Farbe der Ziegelfassade an. Zwischen zwei gusseisernen Säulen, die das Gewölbe tragen, steht die Skulptur da wie ein Gatter oder Gehege. Assoziationen an die Zeit werden wach, in der das Wirtschaftsgebäude Ende des 19. Jahrhunderts errichtet wurde, um die Versorgung der nebenan im Schloss inhaftierten Gefangenen des Landarbeitshauses zu sichern. Später war das Haus ein Bestandteil der Schutzhaftabteilung der Gestapo und 1944 wurden hier die Ehefrau und Söhne des am Attentat gegen Hitler beteiligten und später hingerichteten Grafen von Schwerin von Schwanenfeld inhaftiert.

Gelegenheit zum Gespräch

Im östlichen Saal des Erdgeschosses hängen Paneele aus Latten an den vier Wänden, die einen asymmetrischen Kontrast zum abfallenden Fußboden bilden, den Weihs noch unterstreicht, indem sie das schwarzweiße Muster der Bodenkacheln an den Wänden fortsetzt. An manchen Stellen ist diese "Bordüre" nur fünf Zentimeter hoch. An den Stellen, an denen das Gefälle des Bodens am stärksten ist, bis zu 30 Zentimeter. Weihs lenkt die Aufmerksamkeit des Betrachters auf den Saal als solchen. Sie macht durch ihre Arbeit den Raum erfahrbar, öffnet dem Besucher die Augen für Dinge, die er sonst nicht wahrgenommen hätte. Etwa das Fußbodengefälle der ehemaligen Schlossküche, in der das Spülwasser abfließen sollte. Statische und tektonische Gesetzmäßigkeiten des Gebäudes werden durch die Raumskulpturen ebenso herausgearbeitet wie die der Geschichte. Mögen die Werke von Helga Weihs, die zwischen Minimal Art, Konkreter Kunst und Konzeptkunst einzuordnen sind, zuweilen auch unterkühlt anmuten. Sie ordnen sich immer dem Gebäude unter und überlassen ihm die Hauptrolle. Die Qualität der verwendeten Materialien, die hochwertigen farbigen Hölzer und ihre feine Verarbeitung lassen zudem immer auch einen sinnlichen Zugang zu. Weihs folgt somit der Maßgabe des "Erfinders" der konkreten Kunst, Theo van Doesburg (1883-1931), der verlangte, dass die Realisierung eines Kunstwerks dieselbe technische Perfektion aufweisen müsse wie sie der geistige Entwurf besitze, welcher dem Werk vorausgeht.

Am 14. November lädt das Schloss Güstrow zu einem Nachmittag, der sich mit dem Wirtschaftsgebäude beschäftigt. Um 14 Uhr stellt Gisela Scheithauer, die 2008 eine Monographie zum Güstrower Landarbeitshaus vorgelegt hat, in einem Rundgang die Geschichte des Hauses vor. Um 15 Uhr wird der NDR-Film "Die Söhne des 20. Juli 1944" gezeigt, in dem Wilhelm Graf von Schwerin von Schwanenfeld über seine Inhaftierung im Wirtschaftsgebäude berichtet. Im Anschluss bietet sich die Möglichkeit zum Gespräch mit Gisela Scheithauer und Helga Weihs.

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