Baubranche profitiert vom Kaffeewerk : Tauziehen um Bauaufträge von Nestlé

<strong>Klaus Reisenauer, Geschäftsführer der Auftragsberatungsstelle MV</strong>, hat die einzelnen Posten, die Nestlé ausschreibt, an die Wand gepinnt. Aktuell geht es um ein Volumen von fast zehn Millionen Euro, die Firmen als Subunternehmer im Rohbau bekommen können.
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Klaus Reisenauer, Geschäftsführer der Auftragsberatungsstelle MV, hat die einzelnen Posten, die Nestlé ausschreibt, an die Wand gepinnt. Aktuell geht es um ein Volumen von fast zehn Millionen Euro, die Firmen als Subunternehmer im Rohbau bekommen können.

Die Bauwirtschaft der Region kann sich freuen: Dank des Vereins Auftragsberatungsstelle Mecklenburg-Vorpommern e.V. bleiben millionenschwere Aufträge für das neue Nestlé-Werk in Schwerin vor Ort.

svz.de von
11. Januar 2013, 08:05 Uhr

Schwerin | In unscheinbaren Büro-Räumen im Eckdrift sorgen die fünf Mitarbeiter der Auftragsberatungsstelle Mecklenburg-Vorpommern e.V. um Geschäftsführer Klaus Reisenauer mit dafür, dass die Unternehmen im Land ihre Auftragsbücher füllen können. Bei fast 2000 Aufträgen der öffentlichen Hand - von Dienstleistungen über Einkäufe bis hin zu Bauarbeiten - mischten die Berater, die im Auftrag der drei Industrie- und Handelskammern und der drei Handwerkskammern im Land agieren, allein im zurückliegenden Jahr bei einem Vergabevolumen von mehr als 110 Millionen Euro mit.

Während öffentliche Auftraggeber - von Gemeinden über Behörden bis hin zur Stadt Schwerin - die Dienste der Berater in Anspruch nehmen müssen, weil es das Gesetz so vorschreibt, können auch Private und Unternehmen sie nutzen. Das macht auch Nestlé. "Worüber wir sehr froh sind", sagt Klaus Reise nauer. "Wir haben den Konzern gezielt angesprochen. Denn unser Hauptanliegen ist es, dass unsere Firmen vor Ort Arbeit bekommen."

Die Auftragsberatungsstelle MV greift dafür auf eine gut gepflegte Datenbank mit rund 19 500 Firmen aus dem Land zurück - vom Bauunternehmer oder Malermeister bis zum selbstständigen Architekten oder Statiker. Die Ansprüche an die Datenbank sind hoch. So dürfen die Auskunftsdaten nicht älter als ein Jahr sein. Da die Zusammenstellung der Nachweise für Fachkundigkeit, Leistungsfähigkeit und Gesetzestreue aufwändig ist, sind aktuell nur 7500 Unternehmen aktiv in der Datenbank gelistet. "Nur wer alle Daten aktuell hält, hat die Chance, über uns an einen Auftrag zu kommen", erklärt Reisenauer.

Eine Garantie können auch die Berater natürlich nicht geben. Aktuell bei Nestlé haben sich beispielsweise für den millionenschweren Rohbauauftrag in den Göhrener Tannen 55 Unternehmen interessiert. Letztlich haben 21 ein Angebot abgegeben, davon elf aus Mecklenburg-Vorpommern. Das Rennen machte die Dechant Hoch- und Ingenieurbau GmbH aus dem bayerischen Weismain. Das beste Angebot aus MV landete auf Platz fünf.

Doch damit ist der Auftrag nicht weg. "Rund 9,5 Millionen Euro wird Dechant an Subunternehmen vergeben", erklärt Reisenauer. Dabei geht es unter anderem auch um 27 000 Tonnen Fertigteile Beton - entsprechende Werke gibt es auch in Rostock und Schwerin. Auch die Firmen, die Rohre zur Entwässerung verlegen, den Blitzschutz und Erdungsanlagen einbauen, will das Unternehmen aus Bayern über die Datenbank der Krebsfördener Auftragsvergabestelle finden.

Offen sind auch noch weitere Aufträge für das neue Nestlé-Werk, das zum Jahresende mit der Produktion von Dolce-Gusto-Kaffeekapseln im Industriepark Schwerin beginnen will. Naturstein- und Fliesenarbeiten sind ebenso zu vergeben wie Bodenbelagsarbeiten, Tischlerarbeiten, Anstricharbeiten. "Unternehmen aus unserem Land, die auch am Nestlé-Bau mitwirken wollen, können sich kostenfrei mit ihrem Leistungsprofil bei uns aufnehmen lassen, wenn sie es nicht schon sind", sagt Reisenauer. Den entsprechenden Servicebogen gibt es im Internet unter www.abst-mv.de/download. "Wer noch zusätzliche Fragen hat, kann sich gern unter Telefon 0385-61738110 an uns wenden."

Dass sich das durchaus lohnt, zeigt die Statistik der Auftragsberater. "Bisher haben wir mehr als 50 Firmen aus MV für einzelne Ausschreibungen vorschlagen können und in der Folge hat Nestlé fast ausschließlich Unternehmen aus unserem Land beauftragt. Für Sicherheit und Gesundheitsschutz zeichnet beispielsweise eine Rostocker Firma verantwortlich, für die Vermessungsarbeiten ein Schweriner Büro. Eine Firma aus Wittenförden hat das Bodengutachten erstellt. Die Erdarbeiten für die Erschließung des Baufeldes hat ein Schweriner Tiefbau-Unternehmen erledigt. Die Gewerke Elektro und Datennetze hat bei der Erschließung eine Firma aus Banzkow übernommen. Für die eigentlichen Erdarbeiten zeichnete eine Firma aus Waren verantwortlich. Die Container für die Bauleitung und den Sanitärbereich hat eine Schweriner Firma angeschlossen. Zurzeit laufen die Ausschreibungen für die Estrich- und Beschichtungsarbeiten sowie für die Metall- und Schlosserarbeiten.

Neben privaten Nutzern der Dienste der Auftragsberatungsstelle wie Nestlé liegt die Hauptaufgabe bei Aufträgen von der öffentlichen Hand, wenn diese die Leistung nicht öffentlich ausschreibt. Sobald freihändig der Auftrag vergeben wird - was bei einem Volumen von bis zu 100 000 Euro möglich ist - muss der öffentliche Auftraggeber drei Angebote von den Krebsfördener Beratern mit denen bewerten, die er vielleicht schon selbst gefunden hat. Bei der beschränkten Vergabe mit einem Volumen von bis zu einer Million Euro kommen weitere fünf Anbieter aus der Datenbank der Berater. Das ist Vorschrift. "Es steht zwar nirgendwo geschrieben, aber auch für uns ist das ein Beitrag zur Korruptionsprävention", sagt Reise nauer. Dass der Bürgermeister dem befreundeten Bauunternehmer einen Auftrag zuschiebt, kann so ausgeschlossen werden. Denn unter allen Bietern muss er das wirtschaftlichste Angebot nehmen - nicht das billigste. Kriterien der Wirtschaftlichkeit können beispielsweise Mindestlohn-Zahlung, Zeitvorgaben, Energieeffizienz oder spezielle Qualitätsansprüche sein.

In der Krebsfördener Datenbank sind für Mecklenburg-Vorpommern neben Firmen, die Bauleistungen erbringen, auch Liefer- und Dienstleistungen erfasst sowie freiberufliche Leistungen - beispielsweise von Architekten. Für die so genannte Zubenennung von Firmen bei Ausschreibungen greift das Team um Klaus Reisenauer auch auf Rückmeldungen von Auftraggebern zurück. Wenn beispielsweise ein Malermeister gerade erst dank der Berater einen Auftrag ergattern konnte, wird er beim nächsten Wettbewerb nicht gleich wieder berücksichtigt, wenn es Malerfirmen mit vergleichbaren Angeboten gibt.

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