Tausche Gurken gegen Mutterboden

Idylle im Rosenweg: Kayla, Julian, Kathrin und Ralf Kotjatko susanne lang
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Idylle im Rosenweg: Kayla, Julian, Kathrin und Ralf Kotjatko susanne lang

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26. August 2010, 12:05 Uhr

schwerin | Der Straßenlärm wird von Hecken und Bäumen geschluckt. Blumenduft, Vogelgezwitscher und Bienengebrumm weisen den Weg zum neuem Domizil der Kotjatkos - dort verbringt die junge Familie aus Schwerin seit sechs Wochen jede freie Minute. Die Adresse: Rosenweg Ecke Gladiolenweg. Klingt nicht nur märchenhaft, ist es auch.

Die frisch gebackenen Laubenpieper entsprechen so gar nicht dem gängigen Klischee. Englischer Rasen, akkurat gepflanzte Beete - Fehlanzeige. Der zweijährige Julian und seine große Schwester jagen über ihren neuen Spielplatz, wo sie buddeln, toben und sich dreckig machen dürfen. Die achtjährige Kayla hat gelbe Sprenkler im Gesicht, an Armen und Beinen. Sie hat mit Papa das Gartenhäuschen gestrichen, erzählt sie. Viel Arbeit müssen die Kotjatkos noch in ihr neues Refugium stecken - eine Arbeit, die Freude macht.

"Er ist ein Stadtkind, ein Anti-Gärtner"

"Das ist für uns wie Urlaub hier", sagt Kathrin Kotjatko. Für die 35-Jährige hat sich mit dem Kleingarten ein Traum erfüllt. Sie sei ein "Dorf- und Gartenkind". Sie zeigt auf ihren Mann Ralf. "Er ist ein Stadtkind, ein Anti-Gärtner", sagt sie lachend und buddelt weiter im Gemüsebeet. Grünkohl, Rosenkohl, Radieschen und Bohnen hat sie gepflanzt. "Ich freue mich schon auf das erste selbst geerntete Gemüse." Im Garten Kotjatko ist Arbeitsteilung angesagt: Der "Anti-Gärtner" kümmert sich um Laube, Fische im Teich, Rasen, Hecken - und die ab nächstem Jahr vorgeschriebene Sammelgrube. Ausgehoben ist sie bereits - "sieben Kubikmeter steinige Erde, Muskelkater und Schwielen an den Händen", fasst Kotjatko zusammen. Bei Gemüsebeeten, Beerensträuchern und Blumen führt seine Frau das Regiment. Was das betrifft, sei er traumatisiert, verrät der Industrieschmied. Damals, als kleiner Junge, musste er immer im Schrebergarten der Eltern beim Unkrautjäten helfen - laaaaangweilig. Und: "Ich wollte auf keinen Fall aufs Dorf ziehen - das hier war unser Kompromiss."

"Das hier" ist eine 460 Quadratmeter große Parzelle inklusive Gewächshaus und zweigeschossiger Laube mit Küche, Toilette und Schnörkelbalkon. Auch eine Alternative zum Eigenheimbau, finden die Kotjatkos. Er will nicht weg aus der Stadt, sie braucht ein Stück Land.

Einfache Faustregel für die Gartengestaltung

"Ein absoluter Glücksgriff", sagt Kathrin Kotjatko und nimmt neben ihrem Mann auf der Veranda Platz. Julian klettert auf ihren Schoß, seine Mama schiebt ihm ein Stück Bioapfel vom eigenen Baum in den Mund. Schon seit einiger Zeit schwebte der Büroangestellten ein eigener Garten vor - mit Übernachtungsmöglichkeit für die ganze Familie. Im Internet graste sie sämtliche Webseiten von Kleingartenvereinen ab. Der am Gosewinklerweg zählte gleich zu den Favoriten: "Die Lage ist perfekt", so die zweifache Mutter, "genau auf dem Weg zwischen Stadtwohnung und unseren Arbeitsplätzen". Auf der Homepage des Vereins fand sie eine Auflistung der freien Parzellen. Kurzerhand machte sich die Pflanzenfreundin auf den Weg und inspizierte das Angebot vor Ort. Nur ein Schild am Türchen des Eckgrundstücks ließ erahnen, dass sich dahinter ein Garten befindet. "Da war alles komplett zugewuchert", erzählt sie. Kathrin Kotjatko überlegte nicht lange, griff zum Hörer. "Sie klingen aber verdammt jung", tönte es ihr entgegen. Aber das war wohl der Bonus, es gab mehrere Interessenten.

Junge Leute, die im Garten nur grillen, trinken und feiern wollen, sind in Kleingartenanlagen nicht so gern gesehen, vermutet sie. "Mit den Kindern kommt hier richtig Leben rein, das hat dem Vorbesitzer wohl gefallen." Der hatte die Parzelle jahrelang nur notdürftig gepflegt, entschloss sich schließlich zum Verkauf. Haus, Bäume, Sträucher, Pflanzen - alles wurde von der Kommission des Verbandes gezählt und hochgerechnet. 3600 Euro summierten sich so auf dem Schätzprotokoll. Den Garten an sich bezahle man, wie Ralf Kotjatko erklärt. Das Land hingegen werde gepachtet.

Die Kotjatkos machten schließlich das Rennen unter den Bewerbern. Dann ging alles ganz schnell - und einfach, versichert das Paar. Sie unterschrieben Kauf-, Mitglieds- und Pachtvertrag, krempelten die Ärmel hoch, griffen zu Spaten und Heckenschere und kämpften sich durch das Dickicht von Stachelbeer- und Himbeersträuchern. Sie zeigt auf ihre verkratzten Arme und Beine. Vorschriften in punkto Gartengestaltung gibt es nicht - nur die einfache Faustregel: Ein Drittel bebaut, ein Drittel Rasen, ein Drittel unterm Spaten.

Die erste Woche nur Schnacken am Zaun

Und wieder tönt ein "Hallo" über den Gartenzaun - und zurück. "Das ist das Schöne hier, die Gemeinschaft", sagt Kathrin Kotjatko. "Wie zu Ost-Zeiten." Schon am ersten Tag hätten sich die Nachbarn bei ihnen vorgestellt, selbst geerntete Gurken und Himbeeren gebracht. Tauschhandel eben - guter Mutterboden gegen Gemüse - gärtnerische Tipps inklusive. Die erste Woche hätte sie eigentlich nur schnackend am Gartenzaun gestanden. Dass sie viele betagte Nachbarn haben, stört die Kotjatkos nicht. Die Kinder hätten schon einige Herzen erobert, erzählt der Vater grinsend.

"Dass es letztendlich so viel Arbeit wird, war mir nicht klar", räumt der Hausherr ein, lehnt sich zurück und mustert kritisch das neue Reich der Familie. Der Garten gleiche noch einer Baustelle, sagt er schmunzelnd. Aber die Arbeit im Garten und am Häuschen diene ja schließlich der Entspannung. Und: "Abends sieht man, was man geschafft hat. Das ist ein gutes Gefühl." Vor allem den Kindern tut die frische Luft und das unbeschwerte Toben auf dem Abenteuerspielplatz gut. "Sie schlafen besser, sind ausgeglichener", so die Mutter. Julian hat mit seiner Schwester die Fische gefüttert, jetzt kuschelt er sich erschöpft in Mamas Arme. Zeit für den Mittagsschlummer. "Wenn der Kleine schläft, kann ich ungestört loswühlen", sagt sie lachend und verschwindet mit Kotjatko-Junior im Häuschen.

Ralf Kotjatko blinzelt gen Himmel. Bevor es regnet, will er noch mal loslegen. "Das ist irgendwie eine andere Welt hier", sagt er zufrieden und greift zum Spaten. Von wegen "Anti-Gärtner".

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