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Mehr als 30 Tankstellen des libyschen Diktators Gaddafi in MV : Tankstopp mit Nebenwirkung

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Unkenntnis an Zapfsäulen: Vielen Fahrern ist nicht bewusst, dass sie bei HEM und Tamoil an Tankstellen des Diktators Gaddafi zapfen. Sanktionen gegen libysche Firmen sollen nun verhindern, dass Geld in Tripolis landet.

svz.de von
erstellt am 29.Mär.2011 | 07:40 Uhr

Schwerin | Die HEM-Station im Schweriner Süden kennt Willi Lüdke bestens. "Die liegt auf dem Weg zur Arbeit. Da kann man gut tanken", erzählt der Schweriner, der regelmäßig nach Hamburg pendeln muss. In Zweierreihen drängen sich an diesem Morgen die Fahrzeuge an der Tankstelle. Nach Höchstständen in den vergangenen Tagen haben wie oft zu Wochenbeginn die Spritpreise wieder deutlich nachgelassen - Ansturm an den sechs Zapfsäulen. Die Wartezeit stört kaum einen der Autofahrer, Hauptsache billig.

Doch der Tankstopp hat Nebenwirkungen: Das sie mit jeder Tankfüllung an HEM- und Tamoil-Stationen möglicherweise die Taschen des verhassten libyschen Diktators Muammar al-Gaddafi füllen, ahnt keiner der an diesem Morgen befragten Autofahrer. "Das habe ich nicht gewusst", ruft die Information bei Willi Lüdke Verwunderung aus. Während Gaddafi in Libyen seine Gegner mit Waffengewalt niederknüppeln lässt, die Staatengemeinschaft im UN-Auftrag versucht, den Gegnern Schutz zu geben, scheffelt der Diktator womöglich noch Millionen. Nach Erkenntnissen der Bundesregierung soll der Gaddafi-Clan über ein kompliziertes Firmengeflecht indirekt auch die Tamoil GmbH kontrollieren. Eigenen Angaben zufolge verfügt das Unternehmen bundesweit über 392 Stationen, an denen Benzin und Diesel unter den Marken Tamoil und HEM verkauft wird. Mehr als 30 Stationen befinden sich in MV - in Schwerin wie in Neubrandenburg, in Rostock, Güstrow, Wolgast, Anklam, Demmin, Neustadt-Glewe, Parchim oder Schwaan.

Gleichgültigkeit und Befremden zugleich: "Für mich ist mein Geldbeutel wichtig", meint der Mann, der seinen Namen nicht nennen will, am Tankstutzen seines Toyotas, bevor er Diesel in den Tank füllt und sich eilig in Richtung Kasse verdrückt. Außerdem wisse man sowieso nicht, woher das Öl komme, ruft er noch hinterher. "Ich tanke da, wo es billig ist", sagt auch Siegfried Roggentin - eben auch bei HEM. Nein, was Gadaffi da in seinem Land mache, das dürfe nicht sein, fügt ein dritter Autofahrer hinzu. Aber: Was soll man machen, zuckt der ältere Herr mit den Schultern. Die Zurückhaltung wundert ADAC-Sprecher Matthias Schmitting nicht: "Es wäre verwunderlich, wenn Autofahrer politischen Protest an der Tanksäule äußern würden."

Doch die Ölgeschäfte des Diktators sorgen bei anderen für Nachdenken: "Das ist ein Grund eine andere Station anzusteuern", meint etwa Alexander Kowsky aus Schwerin und hängt die Zapfpistole ein. Auch für Pendler Willi Lüdke wäre das ein Argument, woanders zu tanken. Die Gewalt in Libyen, das mache nachdenklich, sagt der Schweriner Autofahrer Hans-Dieter Schwarz. Nur ein Boykott, der treffe den Falschen. Zu leiden hätten die Pächter.

Europa zieht indes Konsequenzen: Die 27 EU-Staaten haben Sanktionen gegen libysche Firmen auf den Weg gebracht, darunter die staatliche libysche Ölfirma NOC. Die soll über verschlungene Wege auch Tamoil kontrollieren, aber auch die Hamburger Raffinerie Holborn. Geschäftsbeziehungen von Tochterfirmen mit in Libyen gelisteten Mutterfirmen sollen künftig nicht mehr erlaubt sein.

Tamoil sieht sich zu Unrecht an den Pranger gestellt. Es gebe keinen Grund für Beschränkungen. Man habe "umfangreiche Maßnahmen getroffen, um sicherzustellen, dass den von den EU-Sanktionen betroffenen Personen und Institutionen aus der wirtschaftlichen Tätigkeit der Deutschen Tamoil GmbH keine finanziellen oder wirtschaftlichen Ressourcen zufließen", hieß es in einer Mitteilung der Firmenzentrale.

Es seien "noch nie Gewinne oder Dividenden abgeführt, sondern 100 Prozent der erwirtschafteten Gewinne" in den Ausbau des Stationsnetzes in Deutschland gesteckt worden. "Wir arbeiten autark", sagte Firmensprecherin Catrin Bedi. Es sei weder direkt noch indirekt Geld an Personen oder Institutionen geflossen, gegen die sich die Sanktionen richten.

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