Täglich Notrufe bei Kinderhotline

Die vor neun Monaten eingerichtete Kinderschutzhotline in MV hat Jugendämter bislang auf 414 alarmerregende Kinderschicksale aufmerksam gemacht. „Wir registrieren konstant etwa jeden Tag einen besorgten Anrufer“, sagte der Leiter des Landesamtes für Gesundheit und Soziales, Heiko Will, gestern bei der zweiten Kinderschutzkonferenz in Güstrow.

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15. Oktober 2008, 05:45 Uhr

Güstrow - Die Anrufer sind alarmiert über das möglicherweise schlimme Schicksal eines Kindes in der Nachbarschaft, in der Familie oder im Bekanntenkreis und wissen sich nicht anders als mit einem Anruf der anonymen Hotline (08001414 007) zu helfen. Viele Notfälle entpuppten sich zwar als Fehlalarm, räumte Heiko Will ein. „Aber wird auch nur ein Notfall dem Jugendamt gemeldet, das diese Familie noch nicht kennt, hat sich das Angebot bewährt.“

Lea-Sophie aus Schwerin und Jessica aus Hamburg waren solche Fälle, die in der Dunkelheit der Anonymität verschwanden. Beide verhungerten, Lea-Sophie als Fünfjährige mit zuletzt sieben Kilo Gewicht, Jessica als Siebenjährige mit einem Gewicht von nur noch neun Kilo. Beide Fälle seien sehr unterschiedlich, sagte Wolfram Friedersdorff (Linke), amtierender Oberbürgermeister von Schwerin und Chef des Untersuchungsausschusses „Lea-Sophie“. Doch hätten sie eines gemein: Die Erschütterung in der Bevölkerung wie auch in den Jugendämtern sei sehr groß gewesen und man habe versucht, aus den Schicksalen zu lernen.

Einige Neuerungen folgten schnell: In Schwerin wurde die Zahl der Mitarbeiter im Jugendamt um drei Stellen auf 19 aufgestockt, Anrufbeantworter und Dienstwagen angeschafft, „damit die Sozialarbeiter nicht bei Notfällen mit Bus und Straßenbahn fahren müssen“. Über weitere Konsequenzen wurde lange beraten. „Es gab tatsächlich keine Regelung, dass bei Besuchen in Familien auch Geschwisterkinder angesehen wurden“, so Friedersdorff. Jetzt gelte das Teamprinzip bei der Fallberatung und verbindliche Regelungen, falls eine Familie Hilfsangebote ablehne.

Nicht zuletzt seien andere Kommunen auf Schwerin zugekommen mit der Bitte um einen Erfahrungsbericht. Auch das Land reagierte. Die monatelang diskutierte Kinderschutzhotline wurde geschaltet, der Zuständigkeitsstreit zwischen Jugendämtern und Land begraben. Voruntersuchungen für Kinder werden künftig verbindlich sein, fehlen Eltern, bekommen sie Nachricht und Besuch von Gesundheitsämtern. Diese Regelung wird auch in anderen Ländern diskutiert, so in Hamburg, wie die Vorsitzende des „Jessika“-Untersuchungsausschusses, Britta Ernst, in Güstrow sagte.

Die Meldungen zu möglichen Kindesvernachlässigungen haben sich erhöht. In Schwerin liegen dem Amt derzeit 609 Fälle auf dem Tisch, 50 Prozent mehr als vor drei Jahren. Einige Fälle kamen über die Kinderschutzhotline, die seit ihrem Start im Februar 245 Meldungen entgegengenommen hat. Davon betroffen waren 414 Kinder. Zunehmend rufen auch Kinder selbst an, sagte Wil. Neun Kinder hätten um eine Inobhutnahme gebeten.

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