Noch 64 baufällige Altstadthäuser in Unesco-Kulturerbestadt : Stralsund droht Sanierungsmuffeln

Die Milchbar am Neuen Markt war zu DDR-Zeiten ein beliebter Treff    in Stralsund. Jetzt verfällt das Gebäude.Sommer
Die Milchbar am Neuen Markt war zu DDR-Zeiten ein beliebter Treff in Stralsund. Jetzt verfällt das Gebäude.Sommer

Die Stadt droht jetzt unwilligen Sanierungsmuffeln mit Konsequenzen. Das Baugesetz und das Denkmalschutzgesetz bietet nach ausreichende Möglichkeiten, die Bauherren zu kurzzeitigen Mängelbeseitigung zu zwingen.

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10. November 2010, 11:52 Uhr

Vom ehemaligen schwedischen Regierungspalais in der Stralsunder Badenstraße 17 erließ einst der Generalgouverneur seine Order für Schwedisch-Pommern. Heute residiert in dem Zweigeschosser Stralsunds Bauamtsleiter Dieter Hartlieb. Und die aus seinem Büro dringenden Botschaften klingen ähnlich resolut wie seinerzeit die Weisungen von Johann August von Meyerfeldt. Ganz offen hat er jetzt den Immobilienspekulanten in der Unesco-geschützten Stralsunder Altstadt den Kampf angesagt.

"Wir werden unser Welterbe wehrhaft verteidigen", sagt Hartlieb und klopft auf eine große Landkarte mit dem Altstadtkern. "Rund 1000 Häuser stehen in der Innenstadt, ein bundesweit einzigartiges hanseatisches Flächendenkmal", erklärt der Bauamtschef. Etwa 60 Prozent von ihnen seien seit 1990 saniert worden. Bislang seien 212 Millionen Euro in das Sanierungsgebiet geflossen, durch das jetzt täglich Hunderte Touristen spazieren.

Wer kein Geld hat, bekommt Hilfe

Doch den Gästen bleiben auch die zahlreichen, noch vorhandenen Schandflecken im Stadtgebiet nicht verborgen. Hartlieb deutet auf blaue Flecken im Kartenbild. Jeder einzelne von ihnen steht für Leerstand, Baufälligkeit und Ruine. Insgesamt 64 unsanierte Gebäude verunstalten noch das Stadtbild. Hinzu kommen etwa ebenso viele Baulücken, die auf Hartliebs "Missstandskarte" orange gekennzeichnet sind.

Manche Häuser gehörten älteren Leuten, die nicht in der Lage seien, die Gebäude sanieren zu lassen. "In solchen Fällen beraten wir, versuchen Fördermittel zu vermitteln oder kaufen die Immobilien auf", sagt Hartlieb. Über ein städtisches Treuhandsondervermögen würden die Häuser dann an potente, sanierungsbereite Investoren wieder verkauft. Weitaus mehr Probleme bereiteten Hausbesitzer, die sich weigerten, Hand an ihren Häusern anzulegen, und statt dessen im Internet versuchten, die Immobilien zu schwindelerregenden Preisen zu versteigern oder Baulücken als Parkplätze zu vermarkten.

Ruinen als Überbleibsel eines Skandals

Ein Giebelhaus in der Heilgeiststraße ist so ein Beispiel dafür, dass über Jahrzehnte hinweg nichts geschieht und der Verfall bedrohlich fortschreitet. Seine Eingangstür wurde zugemauert. "Gib mir eine Chance", hat jemand auf die grauen Steine geschrieben. Das Denkmal bröckelt. Nur ein paar Meter entfernt stehen gleich zwei Ruinen nebeneinander. Sie sind Überbleibsel eines Immobilienskandals, der 1997 mit der Konkurs gegangenem Spekulantenfirma Weiland & Quast ausbrach und Schulden in Höhe von 200 Millionen Mark sowie 450 unsanierte Häuser, Grundstücke und Eigentumswohnungen in Stralsund und Berlin hinterließ. "Wir streiten uns noch immer über Grundschuldbriefe", sagt Hartlieb.

Die Stadt droht jetzt unwilligen Sanierungsmuffeln mit drastischen Konsequenzen. Das Baugesetz und das Denkmalschutzgesetz bietet nach Hartliebs Ansicht ausreichende Möglichkeiten, die Bauherren zu kurzzeitigen Mängelbeseitigung zu zwingen. Demnach sind die Betroffenen zur Auskunft über ihre Sanierungsmöglichkeiten verpflichtet. Im äußersten Fall drohe die Zwangsenteignung, warnt Hartlieb.

Für die vielleicht wichtigste Ruine der Altstadt, dem sogenannten Kampischen Hof, scheint bereits Rettung in Sicht. Das seit Jahrzehnten leerstehende Anwesen, das einst dem Abt des Zisterzienserklosters Neuenkamp/Franzburg als Stadtquartier und Speicher diente, wechselten immer wieder die unter anderem aus Österreich stammenden Besitzer, ohne dass etwas geschah. Demnächst will Hartlieb der Bürgerschaft einen Kaufvertrag vorlegen. Plänen zufolge könnte in dem Anwesen ein Orgel- und Vortragszentrum entstehen.

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