Strahlende Sieger, wütende Bauern

Jakobschaf vom Agrarhof in Brüel. Fotos: Herbert Kewitz
Jakobschaf vom Agrarhof in Brüel. Fotos: Herbert Kewitz

Während die Züchter gestern bei Norddeutschlands größter Landwirtschaftsschau MeLa in

Mühlengeez bei Güstrow ihre besten Tiere präsentierten, kochten auf dem Landesbauerntag die Emotionen über. Wütend verließen die Milchbauern das Festzelt.

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12. September 2008, 08:41 Uhr

Mühlengeez - Einen ganzen Tag lang ist „Leonie vom Oderhaff“ für ihren großen Auftritt herausgeputzt worden. Das Fell glänzt, der Schweif ist gestutzt, die norwegische Frisur mit „dänischer Zusatzvariante“ geschnitten – der schwarze Haarkamm in der Mitte lugt aus der kurzen hellen Mähne hervor. Jetzt wartet das Fjordpferd geduldig darauf, sein Können in der Disziplin Schritt zu beweisen. In den Kategorien Körperbau und Trab hat die Stute die Juroren schon überzeugt. „Sie war zwar ein bisschen aufgeregt, aber es ist gut gelaufen“, erzählt Gertje Petersen aus Leopoldshagen (Uecker-Randow-Kreis). Die 20-Jährige streicht zufrieden über „Leonies“ Fell. Und „Leonie“ ist ohnehin zufrieden, weil sie in „Amarenas“ Nähe steht – das zweite Fjordpferd aus dem Familienbetrieb der Petersens, das bei der Eliteschau an den Start gehen wird. Ein letzter aufmunternder Klaps und dann geht es los. Gertje und ihre Mutter Susanne führen die Pferde in den großen Ring.

Minister warnt vor weiteren Blockaden
Während sich die Stuten auf der Wiese noch warmlaufen, kochen im nahe gelegenen Festzelt bereits die Emotionen über. Wutentbrannt verlassen mehrere Milchbauern mitten in der Ansprache von Agrarminister Till Backhaus (SPD) die Veranstaltung zum Landesbauerntag. Zuvor hatte Backhaus die Landwirte vor weiteren Blockaden der Molkereien gewarnt. Beide Parteien sollten vielmehr eine Einheit bilden, damit sie den Einzelhandel mit seinen Billigpreisen „in die Knie zwingen“ können. Die Milchbauern seien nicht die einzigen Landwirte mit Problemen, auch die Schweinehalter hätten mit zu niedrigen Preisen zu kämpfen.

Das ist den Milchbauern zu wenig. Nach wütenden Zwischenrufen erheben sie sich von ihren Bänken und gehen schnurstracks nach draußen. „Wir würden die Milchmenge gern drosseln, um Einfluss auf die Preise nehmen zu können, doch das will der Minister nicht“, begründet Uwe Schmidt aus Kambs (Müritzkreis) seinen Unmut. Mit einem Milchpreis von 30 Cent könne man nicht vernünftig wirtschaften, sagt er. „So kann es nicht weitergehen“, pflichtet ihm eine aufgebrachte Kollegin bei. Noch gebe es Quoten, betont dagegen Ministeriumssprecher Kay Schmekel. „Was wir hier nicht produzieren, wird woanders produziert.“

„Seehofer nehme ich nicht mehr ernst“
Nach Plänen der EU wird die derzeit gültige Milchquotenregelung im Jahr 2015 auslaufen. Bauernpräsident Gerd Sonnleitner nutzt Norddeutschlands größte Agrarmesse deshalb als Forum für seine Forderung nach einem EU-Milchfonds. Dieser Fonds solle mit nicht abgerufenen EU-Geldern wie Exportsubventionen oder Ausgleichszahlungen gefüllt werden, sagt Sonnleitner in Mühlengeez. Für Deutschland würden 350 Millionen Euro gefordert. Damit sollten Investitionen gefördert werden, die die Wettbewerbsfähigkeit von Bauern in natursensiblen und benachteiligten Agrargebieten gewährleisten.

Der Präsident des Landesbauernverbandes, Rainer Tietböhl, macht unterdessen keinen Hehl daraus, dass Pläne für größenbezogene Obergrenzen, schrittweisen Abbau oder Kappung bei den EU-Direktzahlungen an die Landwirte abgelehnt werden. Denn diese Pläne benachteiligten die in Ostdeutschland vorherrschenden großen Landwirtschaftsbetriebe, kritisiert Tietböhl. Was die Bauern vielmehr brauchten, seien verlässliche Zusagen im Reformzeitraum bis 2013. Eine Forderung, die auch Backhaus unterstützt. Eine schnellere Kürzung der Zahlungen als bislang geplant sei „absolut inakzeptabel“. Der Landesbauernverband will deshalb noch im September nach Brüssel zur EU-Agrarkommission fahren. „Das werden jetzt heiße Wochen“, prognostiziert der Agrarminister. Auf den Bund will er dabei nicht mehr zählen. „Seehofer nehme ich nicht mehr ernst“, tönt Backhaus ins Bühnen-Mikrofon. Bundeslandwirtschaftsminister Horst Seehofer (CSU) hatte seinen MeLa-Auftritt am Tag zuvor kurzfristig abgesagt.

Futter- und Energiepreise deutlich gestiegen
Die Absage ist auch bei den Tierschauen am Tag danach noch ein Thema. Die Reaktionen der Züchter reichen von Enttäuschung bis Resignation. Man habe sich von Seehofers Auftritt ein Zeichen erhofft, sagt ein Schweinezüchter. Denn vor allem in der Ferkelproduktion sei die Situation derzeit sehr angespannt. Die Ursachen bringt Renate Schuster, Geschäftsführerin des Hybridschweinezuchtverbands Nord/Ost e.V., schnell auf den Punkt: „Futter- und Energiepreise sind massiv gestiegen.“ Um die Kosten zu decken, müsste der Ferkelpreis derzeit etwa doppelt so hoch sein, wie er tatsächlich ist, erklärt die Zuchtleiterin. Von Existenzbedrohung will sie trotzdem nicht sprechen. Die meisten Landwirte hätten mehrere Standbeine. „Bauern sind Durchhaltetypen“, sagt Renate Schuster. Nach der Ernte würden die Futterpreise neu verhandelt. Dabei deute derzeit alles darauf hin, dass sie zumindest ein wenig sinken werden.

Mehr Gesamtausgaben, weniger Zuschüsse – das Problem kennt auch Gertje Petersen. Ihre Eltern bewirtschaften einen 700 Hektar großen Biobetrieb mit Pferden, Rindern, Schafen und Schweinen. Wird sie den Hof einmal übernehmen? „Nein“, meint Gertje. Ihr Traumberuf ist Tierärztin. Dennoch ist sie mit Leidenschaft dabei, wenn es darum geht, die Zuchterfolge zu präsentieren. Ein Einsatz, der sich auch diesmal wieder gelohnt hat. Nach der Elite-Stutenschau erhalten „Leonie“ und „Amarena“ gemeinsam mit dem dritten teilnehmenden Fjordpferd „Maret“ aus Pampow bei Schwerin die erhoffte Staatsprämie.

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