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Greifswald: Selbstständige Schulen entscheiden über Integration : Stopp ohne Stillstand

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Die Entscheidung von Ministerpräsident Sellering, die integrative Grundschule im Schulamt Greifswald gegen die Pläne von Bildungsminister Tesch aufzuhalten, hat Narben hinterlassen.

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erstellt am 12.Apr.2011 | 11:13 Uhr

Missstimmung in der Landesregierung, ein Rückzug im Landeselternrat, Verwirrung in der Elternschaft: Die Entscheidung von Ministerpräsident Erwin Sellering (SPD), die integrative Grundschule im Schulamt Greifswald gegen die Pläne von Bildungsminister Henry Tesch (CDU) aufzuhalten, hat Narben hinterlassen. Gestern, gut einen Monat nach Sellerings Veto, haben in Greifswald Fortbildungen begonnen, mit denen sich Lehrerinnen und Lehrer künftiger 1. Klassen fit machen für die Herausforderung der Integration. Insgesamt 145 Anmeldungen aus 63 Grundschulen liegen vor.

Nach Vorgabe des Bildungsministeriums und der UN-Behindertenrechtskonvention hatten 2010 alle Grundschulen im Land Kinder mit Förderbedarf im Lernen aufgenommen. Im kommenden Schuljahr sollte das Schulamt Greifswald den nächsten Schritt gehen und nach dem Vorbild der "Präventiven und integrativen Schule auf Rügen" (Pisar) Schulanfänger mit zwei weiteren Förderschwerpunkten - Sprache sowie emotionale und soziale Entwicklung - einschulen.

Greifswalder Elternvertreter gingen dagegen an und zu Erwin Sellering, der seinen Wahlkreis in der Hansestadt hat, in die Bürgersprechstunde. Ihre Forderung: Vor einer Ausweitung von Pisar müsse das Vorhaben gründlich ausgewertet werden. Dem Vernehmen nach konzentrierte sich der Protest ausgerechnet bei freien Trägern, die fünf von neun Grundschulen in Greifswald betreiben. Da dort Integration längst Alltag ist, gilt der Widerstand womöglich auch der befürchteten Konkurrenz durch staatliche integrative Grundschulen.

Im Gefolge der Schulentscheidung trat dann überraschend der Vorsitzende des Landeselternrates, Holger Kohlhause, zurück. Mit Hinweis auf die gebotene Verlässlichkeit gegenüber Eltern und Kindern kritisierte er Sellerings Machtwort, schließlich kam der Stopp erst, nachdem die Anmeldefrist der künftigen 1. Klassen verstrichen war - also viel zu spät. Die Gegenseite warf CDU-Mitglied Kohlhause mangelnde Distanz zu seinem Parteifreund Tesch vor.

Kohlhauses Nachfolger Torsten Werner lehnt Spekulationen über diese wie jene Beweggründe ab. Seine wichtigste Erkenntnis: "Der generelle Stopp ist dann doch nicht so generell ausgefallen, wie zuerst befürchtet." In einem Elternbrief informierte das Schulamt Greifswald über die Situation und bot den Eltern an, Schulentscheidungen bei Bedarf zu überdenken.

Das Bildungsministerium tröstet sich mit der Überzeugung: Das Projekt der Integration selbst ist überhaupt nicht in Frage gestellt. Die Arbeitsgruppe zur Zukunft des Lehrerberufes unter dem Dach von Sellerings Staatskanzlei werde sich jetzt dem Thema widmen. Vorerst bleibt das Schulamt Greifswald bei der bisherigen landesweiten Regelung. Allerdings stellt das Ministerium jeder selbstständigen Schule frei, über weitere Integrationsschritte je nach Anmeldeverhalten der Eltern allein zu entscheiden. Denn anders als in der Stadt könne auf dem Lande manch langer Schulweg entfallen, wenn ein Kind statt zur Förderschule an eine näher gelegene (integrative) Grundschule geht.

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