Stierkopf mit und ohne Halsfell

Großes Landeswappen Mecklenburg-Vorpommern vereint auf viergeteiltem Schild zwei mecklenburgische Stierköpfe mit Halsfell, den pommerschen Greif und den brandenburgischen Adler. Das kleine Landeswappen kommt mit Stier und Greif aus.
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Großes Landeswappen Mecklenburg-Vorpommern vereint auf viergeteiltem Schild zwei mecklenburgische Stierköpfe mit Halsfell, den pommerschen Greif und den brandenburgischen Adler. Das kleine Landeswappen kommt mit Stier und Greif aus.

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04. Dezember 2009, 12:15 Uhr

Schwerin - Stralendorf bei Schwerin machte den Anfang, Jabel im Müritzkreis ist vorläufiges Schlusslicht – neun Gemeinden im Land haben es im Jahresverlauf auf die Rolle geschafft, die Wappenrolle von Mecklenburg-Vorpommern. Ihr Hüter sitzt im Innenministerium, wo jeder Wappenentwurf geprüft und genehmigt wird.
„Der Begriff Wappenrolle geht aufs Mittelalter zurück“, erklärt Roland Woiciechowski vom Ministerium.

Seinerzeit trug Mann Siegelring und Schild mit Symbolen. Herolde im Dienst von Herrscherhäusern mussten Auskunft geben über die Schildbilder, an denen sich Freund und Feind erkennen sollten. Daraus entstand die Wappenkunde, Heraldik, eine historische Hilfswissenschaft mit einem 800-jährigen Regelkanon, auf der das Vorurteil verstaubter Altertümelei lastet. Spöttern zum Trotz hat der Wunsch nach Hoheitszeichen die Zeiten überlebt. Die Rolle, die das Land Mecklenburg-Vorpommern 1991 eröffnet hat, weist derzeit 329 Einträge auf, zumeist gültige Wappen, doch auch solche, die von der Geschichte – Gemeindefusionen oder Gebietsreformen – überholt und für ungültig erklärt wurden.

Vor allem Gemeindejubiläen sind vielerorts Anlass für die Suche nach einem Wappen, wie Roland Woiciechowski sagt. Und gleichsam eine Einladung zur Beschäftigung mit der eigenen Geschichte. Nicht selten mussten dabei Gründungsdaten korrigiert oder Stierköpfe verändert werden. Denn in der Heraldik geht es um feine Unterschiede, wie das Beispiel Stierkopf zeigt. Ob schwarz- oder silbergehörnt, mit Halsfell und roter Zunge oder ohne – vier Varianten des symbolträchtigen Tieres gibt es, nach vier Söhnen, die einst aus dem mecklenburger Herrscherhaus hervorgingen und das Land unter sich aufteilten. Je nach Zunge, Halsfell oder Horn verraten Städtewappen bis heute, in welchem Sprengel Stadtrechte erteilt oder Siedlungen gegründet wurden.

Kampf gegen Ähren und Eichenblätter
Das Bürgerliche Gesetzbuch stellt das Wappen dem Namen gleich, nicht zuletzt darum formulieren Wappenschöpfer und -hüter einen „heraldischen Einmaligkeitsanspruch“ für ihre Arbeit. Im Landesamt für Kultur und Denkmalpflege, Abteilung Landeshauptarchiv Schwerin, wacht seit zwei Jahren die promovierte Archivrätin Antje Koolman über die Unverwechselbarkeit der mecklenburgischen Wappen. Ein Kollege im Landesarchiv Greifswald versieht das Amt auf vorpommerscher Scholle. Ihre Gutachten ebnen den Weg auf die Wappenrolle.

Dem geht allzu oft ein „Kampf gegen Kornähren und Eichenblätter“ voraus, wie Antje Koolman verrät. Auch bei Möwen und Abtsstäben meldet sie mittlerweile häufig Kritik an. Zwar treffen die Symbole der Landwirtschaft und Wälder für manch eine Gemeinde zu, ebenso wie die Nähe zur Küste oder die Vergangenheit als Kirchenacker. Doch gerade diese Beliebigkeit ist nicht gewollt. „So einmalig wie möglich, soll das Wappen sein.“ Prüft Antje Koolman einen Entwurf spürt sie den verwendeten Symbolen nach – mit historischen Schriften, Urkundenbüchern, aktueller Fachliteratur oder im Internet. In Schleswig-Holstein ist die Wappenrolle online. Wird dort beispielweise nach einer „Möwe“ gesucht, zeigt der Computer acht Treffer an bei 975 Datensätzen.

„Mecklenburg-Vorpommern hat bei den Wappen noch ein wenig Nachholebedarf, auch im Vergleich mit anderen neuen Bundesländern wie Sachsen oder Brandenburg“, sagt Antje Koolman. Von rund 850 Gemeinden führen hierzulande bislang nur rund 300 Wappen, Siegel und Flagge.
Wisent gesellt sich zu Lindwurm und LöweBesonders zufrieden ist Antje Koolman mit dem jüngsten Eintrag auf der Wappenrolle, der Nummer 329 für Jabel im Müritzkreis. Ein redendes Zeichen sei entstanden: Auf der einen Seite des gespaltenen Schildes erinnert ein Apfelbaum an den Ursprung des Ortsnamens Jabel vom slawischen Wort für Apfel, auf der anderen Seite steht ein Wisent für eine Besonderheit der Gegend, in der die bedrohten Wildrinder heimisch sind.

Jabel verschafft dem Wisent zudem die Premiere als Wappentier in Mecklenburg-Vorpommern, wo bereits Heerscharen von Tieren anzutreffen sind: Fabelwesen wie Greif, Lindwurm, Drachen oder Einhorn ebenso wie Adler, Seepferdchen, diverse Fischarten, Falken, Fliegen, Bienen, Eichhörnchen, Rehe, Löwen, Hirsche, Kraniche, Hähne, Schwäne, Raben und natürlich Möwen.

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