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25. September 2017 | 19:10 Uhr

Sternstunde für Rostocker Chemiker

vom

svz.de von
erstellt am 04.Okt.2010 | 08:48 Uhr

Südstadt | Forschern des Rostocker Leibniz-Instituts für Katalyse (Likat) ist ein bedeutender wissenschaftlicher Erfolg gelungen. Sie waren als Kooperationspartner der Grünthal AG Aachen an einem wichtigen Teilschritt zur Entwicklung des Wirkstoffes Tarpentadol beteiligt. Er bildet die Grundlage zur Herstellung des Schmerzmittels Palexia, das seit September verschreibungspflichtig in Europa zugelassen und jetzt auch in Rostocker Apotheken erhältlich ist. In den USA und Kanada gibt es die Arznei mit dem Wirkstoff bereits seit eineinhalb Jahren unter dem Namen Nucynta.

Das europäische Pendant Palexia fällt unter das Betäubungsmittelgesetz. "Es dient als Alternative für Morphium und ähnlich starke Schmerzmittel, hat aber deutlich weniger schädliche Nebenwirkungen", sagt Privatdozent Dr. Detlef Heller. Er ist im Likat der Themenleiter der speziellen Forschungsgruppe, der auch Dr. Hans-Joachim Drexler, Cornelia Pribbenow und andere Kollegen angehören. Das hilfreiche Medikament sollen Menschen mit Krebs oder nach schmerzhaften Operationen verschrieben bekommen. "Unser Ergebnis ist ein sehr erfolgreiches Beispiel für das Potenzial von lokaler Rostocker Grundlagenforschung sowie weltweit angewandter Forschung", sagt Dr. Heller, "wir sind allerdings in einer sehr späten Phase in der Entwicklung dazu gekommen." Sein Kollege Dr. Hans-Joachim Drexler, wissenschaftlicher Mitarbeiter aus dem Forschungsteam, ergänzt: "Man kann den langwierigen Prozess vielleicht mit einem gesamten Orchester vergleichen, wir haben dabei die Aufgabe der Querflöte übernommen, die Grünthal AG spielt all die anderen Instrumente."

"Die Herstellung eines neuen Arzneimittels ist ein sehr kosten- und zeitintensiver Prozess", erklärt Heller. Von der Erforschung des relevanten biologischen Moleküls bis hin zur Vermarktung eines neuen Wirkstoffes vergeht oft ein Jahrzehnt oder sogar noch etwas mehr Zeit. Und nicht jede Forschung führt zur Markteinführung. "Es macht sich kaum ein Laie klar, dass bei so einer Entwicklung durchschnittliche Kosten von 800 Millionen Euro anfallen", sagt er. Zum besseren Verständnis erklärt der Chemiker, dass die Körperzellen des Menschen wie kleine chemische Fabriken oder Kraftwerke funktionieren, die den Stoffwechsel- und Energiehaushalt mit Hilfe von Enzymen als Katalysatoren realisieren. Und so wie ein rechter Handschuh nicht auf die linke Hand passt, verhalte es sich auch mit den Molekülen in chemischen Prozessen. Identische Moleküle - räumlich unterschiedlich gebaut - verhalten sich wie Bild und Spiegelbild. Die effektive Synthese dieser so genannten händigen Moleküle gehört zum Likat-Arbeitsgebiet.

"Es sind manchmal 10 000 verschiedene Verbindungen für einen erfolgreichen Wirkstoff zu testen", sagt Dr. Hans-Joachim Drexler. "Und nur in einer händigen Form führen die Medikamente auch zur optimalen, also heilenden Wirkung im Zusammenspiel mit unseren körpereigenen Enzymen und Rezeptoren", sagt der wissenschaftliche Mitarbeiter des Likat. Drexler war bei der Entwicklung für die Analyse sowie das Identifizieren der Ausgangsstoffe und Produkte zuständig.

Dass so ein Forschungserfolg nicht selbstverständlich ist, verdeutlicht Heller: "Auch wenn ein Wirkstoff bei der ersten Anwendung am Menschen vielversprechende Ergebnisse gezeigt hat, schafft es nur jede zehnte Substanz bis zur Markteinführung". Aufbauend auf den Ergebnissen der Grundlagenforschung ist die industrielle Anwendung das Ziel der Forscher. "Die ökonomische Bedeutung des Medikamentes Palexia wird klar, wenn man sich seriöse Marktanalysen anschaut. Die gehen davon aus, dass in wenigen Jahren weltweit mehr als eine Milliarde US-Dollar an Umsatz pro Jahr damit erzielt werden", so Heller. Allein in den USA werden schon jetzt mehrere tausend Rezepte des Medikamentes täglich verschrieben. "Für unser Team ist der Erfolg eine Sternstunde im Berufsleben", sagt Chemiker Heller.

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