Sterben zu teuer

Bestatter Volker Arndt zwischen Särgen und Urnen: „Nicht mal der Tod ist umsonst.“ Fotos: Juliane Haendschke
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Bestatter Volker Arndt zwischen Särgen und Urnen: „Nicht mal der Tod ist umsonst.“ Fotos: Juliane Haendschke

Altersarmut und Abhängigkeit von staatlichen Leistungen: Immer mehr Deutsche sind zu arm,

um sich eine angemessene Bestattung zu leisten. Für sie müssen Sozialämter in die Bresche springen. Doch einheitliche Regelungen fehlen. So entscheiden Kommunen und Städte in jedem Fall anders – und manche zahlen nur das Nötigste. Zwist für Bestatter: Sie sind verpflichtet, Verstorbene unter die Erde zu bringen, bleiben aber gleichzeitig auf den Kosten sitzen.

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06. November 2008, 08:57 Uhr

Bergen - Sarg-Auslagen hängen an einer Kleiderstange, verschiedenste Sargmodelle stehen in Reih’ und Glied, auf Wandregalen reihen sich Urnen aneinander – Volker Arndt zeigt eine Auswahl seines Angebots. Der Bestatter betreibt ein Institut in Sassnitz auf Deutschlands größter Urlaubsinsel. Das Geschäft mit dem Tod scheint rentabel zu sein: In einer kleinen Seitenstraße steht sein überlanger Mercedes in einer Garage. Die silberne Sonderanfertigung ist kein Familiengefährt – die Karrosserie ist für den Sargtransport verlängert. „Leichenwagen rollen schon längst nicht mehr vom Band“, sagt Arndt. Sie seien teuer geworden.

Genauso wie die Autopreise, sprengen auch Bestattungskosten immer öfter den Vermögensrahmen der Betroffenen. Nach neusten Schätzungen der Verbraucherinitiative für Bestattungskultur müssen Deutsche mit rund 6000 Euro für ihre letzte Ruhestatt rechnen. Mehr Geld als vielen zur Verfügung steht. Zunehmend müssen Hinterbliebene bei Sozialämtern um zusätzliche finanzielle Hilfe bitten. Ein trauriger Gang der häufig in der bürokratischen Sackgasse sein vorläufiges Ende findet. Die ohnehin schon Leidgeplagten müssen den Bestattern eine offene Rechnung überlassen. „Und wir müssen so lange in Vorkasse gehen“, erzählt Arndt.

Gang zum Richter teurer als Bestattung
Dem Rüganer sind mehrere Fälle bekannt. Als Vorsitzender des Bestatterverbandes Mecklenburg-Vorpommern höre er viel, sagt er. Vor allem das Sozialamt in Stralsund steht wegen seiner schlechten Zahlungsmoral in einem eher bescheidenen Ruf. Viele Unternehmer weigern sich inzwischen sogar, Aufträge aus der Kommune zu übernehmen.

Der Grund sind oft ungeklärte Familienverhältnisse. „Reicht das Vermögen des Gestorbenen nicht aus, um die Bestattungskosten zu begleichen, suchen Sozialämter zunächst nach den nächsten Verwandten, um sich von ihnen das Geld zu holen“, erklärt Arndt. Die müssen dann ihre Vermögensverhältnisse offen legen. Ins Stocken gerät das Ganze, wenn eine Person nicht ausfindig zu machen ist – wenn einer der Betroffenen beispielsweise nach Amerika ausgewandert ist, und nicht auf Anfragen antwortet.

Ausstattung wird zur Ermessenssache
„Dann sind wir die Leidtragenden“, sagt Arndt. Das Sozialamt geht nämlich nicht in Vorkasse, sondern lässt die Bestatter kurzerhand mit ihren Kosten allein. Manche warten nach Arndts Angaben schon mehr als ein Jahr auf Geld aus Stralsund. Die Hansestadt Wismar hat im vergangenen Jahr über 24 Anträge nicht entschieden, „insbesondere wegen fehlender Unterlagen der Antragsteller oder des Nachlassgerichts“, heißt es in einer schriftlichen Stellungnahme. „Die Situation ist katastrophal“, sagt er. Wehren lohne sich für Bestatter kaum – der Gang zum Richter sei oft kostspieliger als die Bestattungsrechnung hoch sei.

Nach Auffassung des Bestatterverbands liegen die Bestattungskosten in Mecklenburg-Vorpommern ohnehin weit unter dem Bundesdurchschnitt. „Hier zahlen die Leute etwa halb so viel wie anderswo – also rund 3000 Euro“, sagt Arndt. Für viele dennoch zu viel. Waschen, Einsargen, Träger, Grablege und Trauerfeier – das ist die Mindestausstattung, so legen auch viele Sozialämter die Richtlinien des zwölften Sozialgesetzes aus. Eine „ortsübliche“ Bestattung stehe jedem zu, heißt es dort sinngemäß. Wie diese auszusehen hat, entscheiden Hinterbliebene oder – wenn diese nicht ausfindig zu machen sind – das zuständige Sozialamt. In welcher Höhe das dann die Kosten übernimmt, seien je nach Vermögenslage Einzelfallentscheidungen, teilt das Schweriner Sozialamt mit.

Rund 80 000 Euro fallen in der Landeshauptstadt allein für im Krankenhaus Gestorbene an, die keinerlei Angehörige mehr haben. In diesen Fällen bleibt dem Sozialamt nichts weiter übrig, als die Kosten zu begleichen. In anderen ist es Ermessenssache des zuständigen Sozialamtes. Und die entscheiden von Fall zu Fall und von Kommune zu Kommune unterschiedlich. Stralsunds Sozialamt berücksichtigt nach eigenen Angaben Ausgaben für eine einfache aber würdige Bestattung. Was das im Einzelfall bedeutet, bleibt offen.

Leichenhemd aus Wolle statt aus Seide
„Oft fängt der Streit beim Grabstein an“, sagt Andreas Hellbach, Sprecher der Verbraucherinitiative von Aternitas. Hat der Hinterbliebene freie Entscheidungsgewalt bei der Art der Bestattung, sträuben sich viele Ämter, weitere Sonderwünsche zu berücksichtigen. „Es ist klar, dass Hartz-IV-Empfänger keine Luxusausstattung erhalten“, verteidigt sich Arndt. Für solche Fälle gibt es die so genannte Sozialbestattung. Es sei alles eben etwas einfacher gehalten, sagt der Fachmann. Keine Rüschen an der Sargeinlage, ein weißes Leichenhemd aus Baumwolle statt aus Seide, ein Sarg aus Kiefer und nicht aus Eiche und dazu inszeniert er dann häufig eine einfache Trauerfeier.

„Mancherorts gleicht die Beerdigung aber auch eher einer Entsorgung“, sagt Arndt weiter. Anonyme Bestattungen ohne Grabstein, Redner und Trauerfeier – das käme in Bremen schon ab und an vor, seien aber dann doch eher Ausnahmen.
Dabei liege eine Lösung nach Arndts Auffassung sehr nahe: „Eigentlich können doch die Sozialämter in Vorkasse gehen und sich das Geld von den Hinterbliebenen holen, anstatt uns sitzen zu lassen.“ Aber mit diesem Vorschlag stößt der Bestatterverband Deutschland auch beim Bund auf taube Ohren.

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