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TV-Duell : Steinbrück prägnant, Merkel staatstragend

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Es gibt in diesem Bundestagswahlkampf nur dieses eine Live-Duell im Fernsehen. Entsprechend hoch waren gestern Abend die Erwartungen vor dem Aufeinandertreffen von Angela Merkel (CDU) und Peer Steinbrück (SPD).

svz.de von
erstellt am 01.Sep.2013 | 09:52 Uhr

Berlin | "Lassen Sie sich nicht einlullen", wendet sich Peer Steinbrück gleich ans Publikum. Gestern 20.31 Uhr: Das TV-Duell hat begonnen. Der SPD-Kanzlerkandidat geht sofort in die Offensive. "Ohne Richtung und ohne Richtlinien" sei Angela Merkels Regierung in den letzten vier Jahren gewesen. Viele Aufgaben seien einfach liegengeblieben. Ein erster Treffer für den Herausforderer? "Wir haben gezeigt, dass wir es können", kontert Merkel. Deutschland sei stark, ein Wachstumsmotor in Europa. Ob Steinbrück ihr angesichts der Umfragewerte jetzt im Bundestagswahlkampf eigentlich leid tue, wird die Kanzlerin gefragt. "Das hat Peer Steinbrück nicht nötig, dass er mir leid tut", antwortet Merkel. Damit hat sie erstmals im Wahlkampf den Namen ihres Herausforderers in den Mund genommen - schon nach fünf Minuten Kanzlerduell.

Es ist tatsächlich ein Schlagabtausch

"Weiter so" gegen "Klartext", Merkel versus Steinbrück - es ist der große Wahlkampf-Showdown. Und für den SPD-Kanzlerkandidaten wohl die allerletzte Chance, das Blatt in diesem bislang so zähen Wahlkampf noch einmal zu wenden. Showdown vor Millionenpublikum zur besten Sendezeit, gleich auf vier TV-Kanälen. Steinbrück - dunkler Anzug grau-weiße Krawatte - geht gleich auf Angriff, wirkt aber etwas nervös. Merkel - dunkelblauer Blazer, schwarz-rot-goldene Halskette - beobachtet ihn von der Seite, kontert kühl, sachlich, konzentriert. Mindestlöhne, Steuererhöhungen, Deutschlands Schuldenstand - es geht zur Sache. Gelingt es TV-Entertainer Stefan Raab und seinen drei Kollegen an den Moderatorenpulten, Merkel aus der Reserve zu locken? Raab - ohne Krawatte - macht jedenfalls eine gute Figur. "Wie wäre es, wenn sie ab sofort keine Schulden mehr machen und jedes Jahr eine Milliarde zurückzahlen?", fragt er Merkel provokant. "Dann wären wir im Jahr 2184 schuldenfrei. "Oder ist Ihnen das zu ehrgeizig?" Auch beim Thema Pkw-Maut hakt Raab nach, erinnert daran, dass der bayerische Ministerpräsident keinen Koalitionsvertrag ohne Pkw-Maut unterschreiben will: "Meint Horst Seehofer das ernst oder spinnt er wieder herum?" Merkel druckst herum, spricht davon, dass man sich einigen werde, "alle miteinander zufrieden sein werden - auch die Autofahrer." Steinbrück hakt nach, Merkel stellt klar: "Mit mir wird es keine Pkw-Maut geben." Punkt für Steinbrück, der Merkel zu einem klaren Bekenntnis gezwungen hat. Der Herausforderer, an diesem Abend unter enormem Druck. 62 Prozent der Deutschen glauben an einen Merkel-Sieg. Nur 16 Prozent trauen Steinbrück den Duell-Erfolg zu. Selbst bei den SPD-Anhängern sieht es nicht viel anders aus: 42 Prozent setzen auf Merkel, an den eigenen Kandidaten glauben nur 36 Prozent, so eine Umfrage zuvor. Die Herausforderung für den SPD-Mann: Merkel angreifen, ohne dabei allzu ruppig zu wirken. Zweckoptimismus bei den Genossen, dass er dies packen kann. "Sympathisch vorgetragene Attacke", geben die Spindoctoren der SPD zwischen Fingerfood und Duell-Start als Devise aus.

Sprechchöre vor der Halle, Edel-Gäste innen

Aufgeheizte Stimmung schon vor dem Duell. Um 19.21 Uhr fährt Peer Steinbrück vor dem "Studio B" vor, geht noch in die Maske. Der SPD-Kandidat wird mit Buhrufen und Angie-Schildern empfangen - von der "Jungen Union": "Du kannst nach Hause gehen!", skandiert der CDU-Nachwuchs. Auf Steinbrück warten 20 Jusos mit ihrem Unterstützer-Plakat: "Klartext gewinnt." 15 Minuten später kommt die Kanzlerin, schon fertig geschminkt. "Oh, wie ist das schön", jubeln ihre Fans. Begleitet wird Merkel von Medienberaterin Eva Christiansen und Büroleiterin Beate Baumann. Nebenan in "Studio G" - einer riesigen Produktionshalle - verfolgen Ehrengäste bei Edel-Häppchen, Currywurst und Rotkäppchensekt das Duell: Promis, Schauspieler, Musiker, Minister. Ursula von der Leyen plauscht mit Schauspielerin Uschi Glas und instruiert Finanzminister Wolfgang Schäuble, der zum ersten Mal bei einem TV-Duell vor Ort zuschaut: "Da vorn ist unsere Fankurve" Fankurve? Lounge-Atmosphäre, Clubmöbel: Merkel-Fans und Steinbrück-Anhänger sitzen gut zehn Meter voneinander entfernt, die Unterstützer der Kanzlerin sind deutlich in der Überzahl. Der Wahlkampf-Höhepunkt als Public-Viewing-Event und Society-Ereignis. Für Steinbrück drücken nicht nur "Supernanny" Katharina Saalfrank und Prinzen-Sänger Sebastian Krumbiegel die Daumen. Mit der Kanzlerin fiebern Kabinettskollegen, aber auch Ex-Tennisprofi Michael Stich. Kurz nach 21 Uhr: Gleich ist Halbzeit beim Duell. Es geht hoch her beim Thema Griechenland: Steinbrück attackiert Merkel, die die "Konsolidierungskeule" gegenüber den Krisenstaaten in Südeuropa schwinge. Merkel rechtfertigt ihre Anti-Krisenstrategie, verbittet sich die Kritik des Herausforderers. "Wenn nicht Wahlkampf wäre, hätten Sie nicht so gesprochen." Kanzlerin und Kandidat belauern sich, warten auf Fehler des anderen.

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