Stählerne Giganten für die Stromautobahn

Projektleiter Jürgen Siefert (re.) mit LTB-Bauleiter Lotbrei an einem vormontierten Maststück nahe Zarrentin.
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Projektleiter Jürgen Siefert (re.) mit LTB-Bauleiter Lotbrei an einem vormontierten Maststück nahe Zarrentin.

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05. November 2009, 06:07 Uhr

Wittenburg | Es ist mit Sicherheit die längste und auch eine der größten Baustellen im ganzen Norden. Seit Jahren ist um den Bau, vor allem aber um den exakten Verlauf in vielen Gemeinden und Städten gestritten worden. Dann herrschte lange Ruhe, war lange unklar, wann gebaut wird. Diese Ungewissheit gibt es seit Anfang September nicht mehr. Seitdem kündet eine ganze Kette von sich täglich verändernden Baustellen von dem Riesenprojekt. Vattenfall hat dabei auch auf eigenes Risiko losgelegt. "Wir hätten aber nicht angefangen, wenn wir uns schlecht gefühlt hätten", erklärte Vattenfall-Projektmanager Jürgen Siefert dazu im SVZ-Gespräch. Erst in dieser Woche endete z. B. die Einspruchsfrist vor Gericht gegen das Projekt, und es gibt auch einige Grundstücksbesitzer, die die Bauteams nicht auf ihr Grundstück lassen wollen.

Dennoch wurde beim Bau mit Vollgas losgelegt, das Ziel des Energiekonzerns ist ehrgeizig. Siefert: "Wir wollen mit diesem Leitungsstück schon im ersten Quartal 2010 in Betrieb gehen. Die Gesamtleitung nach Krümmel soll Ende 2010 in Betrieb sein." Schon aus diesem Grund gibt es beim Bau keine Pause. Die 380-Kilovoltleitung ist alles andere als eine normale Stromtrasse, sie gehört zu den zehn wichtigsten Projekten zur Sicherung der deutschen Stromversorgung. Mecklenburg-Vorpommern hat heute schon Riesenprobleme beim Strom, an windreichen Tagen steht viel zu viel Strom zur Verfügung, es fehlen die Verbraucher. Dabei sind die großen Offshore-Windparks in der Ostsee noch nicht einmal im Bau. Die Abnehmer des Stroms sitzen im Süden. Und der kürzeste Weg dorthin führt über Krümmel. Nicht weil es dort ein Atomkraftwerk gibt, dort steht auch ein leistungsfähiges Umspannwerk mit Schaltanlage.

Masten sind EinzelstückeZugleich soll die Leitung die offiziell "380-KV-Leitung Krümmel/Görries 419/420" heißt, als wichtiges Teilstück die Netzstabilität sichern und die Verbindung zu den alten Ländern und später auch in Richtung Polen ermöglichen. Schon jetzt gibt es eine solche Stromautobahn von Schwerin nach Güstrow.

Doch die Leitung hat aus Sicht der Menschen, die an der Trasse wohnen, vor allem einen Nachteil: Sie ist riesig. Die Masten, von denen jeder ein Einzelstück ist, ragen bis zu 75 Meter in die Höhe, bei Abständen zwischen den Masten, die von 150 bis 500 Metern reichen. Auch wenn die Planer die Masten möglichst filigran gestalten und dem Gelände anpassen wollen, verstecken lässt sich die Leitung nicht.

Die Forderung, die Leitung doch in Teilen unterirdisch verlegen zu wollen, hat der Energieversorger schon aus Kostengründen abgelehnt. Die Investitionskosten würden mindestens 13 Mal höher als bei einer normalen Leitung ausfallen, sagt ein unabhängiger Gutachter.

Die "Windsammelschiene",wie die Leitung ganz offiziell auch genannt wird, hat noch eine andere Besonderheit. Zwischen den Masten 114 und 170 und Mast 190 bis nach Görries wird zusätzlich noch eine 110-KV-Leitung eingehängt. Das erste Leitungsstück der Wemag soll den so genannten Ringschluss zwischen Wittenburg und Zarrentin ermöglichen. Die zusätzliche Leitung bei Görries dient der Entflechtung, Verstärkung und Stabilisierung des Stromnetzes für den Raum Hagenow-Boizenburg bis nach Perleberg. So will man zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen und nicht noch eine zweite Leitung bauen.

Probleme mit AbständenAbstandsregelungen zur Wohnbebauung und Ausgleichsmaßnahmen, das waren die wichtigsten Punkte in den Jahren seit 2003, dem Start der konkreten Vorbereitungen. Hätten die Konstrukteure einen Mindestabstand von 800 Metern von jedem Wohnhaus zu den Masten einhalten wollen, wäre die Leitung schlicht unmöglich gewesen. In dem Gebiet wohnen zwar nur wenige Menschen, die leben aber sehr zerstreut. Auch der Waldstreifen, der an der A 24 nahe der Abfahrt Zarrentin gerodet wurde, diente dem Schutz von Menschen. Siefert: "Die Alternative wäre der Bau der Stromleitung direkt über Kölzin gewesen."

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