Staatsanwalt erhebt Mordvorwurf, Anwalt erkennt keinen Tötungsvorsatz

svz.de von
16. Juli 2008, 09:46 Uhr

Der Ankläger
Trotz nüchterner Wortwahl macht die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft, die im Fall Lea-Sophie von Wulf Kollorz und Jörg Seifert vertreten wird, deutlich, welches Martyrium Lea-Sophie durchlitten hat. Wegen mangelnder Nahrungs- und Flüssigkeitszufuhr sei das Mädchen schließlich nicht mehr in der Lage gewesen, sich eigenständig fortzubewegen.

Folgen von Bewegungsmangel und vernachlässigter körperliche Pflege seien Gelenkfehlstellungen und Durchliegegeschwüren gewesen, „was zu erheblichen Schmerzen führte“, so die Staatsanwälte. Am Ende sei Lea-Sophie äußerlich vergreist, habe eingefallene Wangen und schütteres Haar gehabt und nur noch 7,4 Kilogramm gewogen. Normal sind in dem Alter mehr als das Doppelte.

Laut Staatsanwaltschaft wollen die Eltern die Gefahren ihres Verhaltens für das Kind nicht erkannt haben. „Wir gehen aber vom Mordmerkmal der Grausamkeit aus“, so Oberstaatsanwalt Hans-Christian Pick zum Anklagevorwurf. Sollte das Gericht dieser Interpretation folgen, drohen Nicole G. und Stefan T. lebenslange Haftstrafen. Gutachter stellten laut Informationen unserer Zeitung keine verminderte Schuldfähigkeit der Angeklagten fest.

Der Verteidiger
Rechtsanwalt Ullrich Knye, Verteidiger der Mutter von Lea-Sophie, der 24-jährigen Nicole G., hält die Mordanklage für falsch und spricht von Überforderung der jungen Frau. „Die Staatsanwaltschaft geht vom Mordmerkmal der Grausamkeit aus“, so Knye gestern gegenüber unserer Zeitung. Doch dieser Vorwurf müsse erst einmal nachgewiesen werden, so der Schweriner Anwalt.

„Nach meinen bisherigen Recherchen zum Fall liegt keine Grausamkeit vor.“ Er gehe davon aus, dass nach eingehender Prüfung letztlich auch das Langericht Schwerin zu dieser Erkenntnis gelangen werde. Auch werde es der Staatsanwaltschaft seiner Ansicht nach schwer fallen, der Mutter einen Tötungsvorsatz nachzuweisen.

„In meinen vielen Gesprächen mit Nicole G. hat diese immer wieder sehr glaubhaft zum Ausdruck gebracht, dass sie sich nicht darüber bewusst war, dass ihr Handeln zum Tod von Lea-Sophie führen könnte“, so Knye. Er wisse, dass es nicht einfach werde, dies angesichts der vorliegenden Aktenlage zum Fall der verhungerten Fünfjährigen aufzuzeigen.

„Doch als der Verteidiger von Nicole G. werde ich dies natürlich bis zum letzten Prozesstag versuchen“, so Ullrich Knye. Darauf habe die Mutter schließlich einen Anspruch.


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