Sprengstoff mit Rettungsring

Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz, Personal         210, davon Orchester                67, Etat (Gesamtausgaben)                     12  608  787  € davon Personalausgaben                    9  896  210  € Eigenanteil                               1  484  276  € Einspielergebnis            12%Besucher            125   402
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Theater und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz, Personal 210, davon Orchester 67, Etat (Gesamtausgaben) 12 608 787 € davon Personalausgaben 9 896 210 € Eigenanteil 1 484 276 € Einspielergebnis 12%Besucher 125 402

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22. August 2008, 10:02 Uhr

Die Kabinettsvorlage zur Theaterreform war bis zuletzt ein gut gehütetes Geheimnis. Kein Wunder: Sie enthält jede Menge Sprengstoff. Am kommenden Dienstag wird das seit Jahren erwartete Reformpaket von der Landesregierung beraten – und wohl auch beschlossen.

Bis dahin werden die Theaterintendanten das Diskussionspapier als Kahlschlagskonzept gebrandmarkt und in der Luft zerrissen haben. Dabei ist die Entrüstung der Theaterchefs zu großen Teilen scheinheilig, haben doch gerade die immer wieder verschleppten Strukturreformen zu einer Auszehrung der Ensembles und zu einer künstlerischen Abwärtsspirale geführt.

Die Intendanten wissen selbst nur zu gut: Die alten Strukturen sind nicht mehr bezahlbar – vor allem, weil die vier Orchester in MV derzeit 62 Prozent der Gesamtkosten der künstlerischen Etats auffressen. Einer Hochrechnung zufolge würden bei Beihaltung des jetzigen Personalbestandes die Kosten der Theaterbetriebe bis 2020 um 17 Millionen Euro steigen.

Idee vom Landesorchester verworfenDie Theaterreform ist daher im Kern eine Orchesterreform, auch wenn diese erst in der zweiten Stufe bis 2020 erfolgen soll. Ziel ist es, die Mecklenburgische Staatskapelle Schwerin mit der Norddeutschen Philharmonie zu einem A-Orchester mit mindestens 99 Stellen zu fusionieren und das Orchester Vorpommern mit der Philharmonie Neubrandenburg zu einem B-Orchester mit mindestens 66 Stellen.

Bisher haben die beiden A-Orchester in Schwerin und Rostock zusammen 152 Orchestermusiker, die beiden B-Orchester in Neubrandenburg und Vorpommern 131 Musiker.

Auch die Idee eines einzigen Landesorchesters mit 130 Musikerstellen wurde geprüft, aber als kulturpolitisch nicht vertretbar verworfen. Im Klartext: Mit einem einzigen Orchester kann man ein Flächenland wie MV nicht bespielen.

Rostocker Untätigkeit
wird belohntDoch bevor es in Stufe zwei zu den Orchester-Fusionen und zur Schaffung von nur noch zwei Mehrspartentheatern unter jeweils einheitlicher Intendanz kommt, sollen die Landeszuschüsse in Stufe eins auf die vier Mehrspartenstandorte in Schwerin, Rostock, Vorpommern und Neubrandenburg/Neustrelitz konzentriert werden.

Einspartentheater wie Parchim und Anklam, Theater ohne eigene Ensemble wie Wismar und Güstrow und die Deutsche Tanzkompanie Neustrelitz erhalten schon ab 2010 keine direkten Zuschüsse mehr und werden so zur Kooperation, Fusion oder Schließung gezwungen.

Das Schauspiel in Parchim wird somit geschlossen, der Standort durch das Staatstheater Schwerin mitbespielt. Das Theater Anklam soll entweder mit dem Theater Vorpommern (Greifswald, Stralsund, Putbus) oder der Theater- und Orchester GmbH Neubrandenburg/Neustrelitz zusammenarbeiten.

Die Tanzkompanie Neustrelitz soll zwar in der Theater- und Orchester Neubrandenburg/ Neustrelitz GmbH aufgehen, aber zumindest teilweise künstlerische Eigenständigkeit behalten. Welches der Mehrspartentheater die Standorte Wismar und Güstrow als regionale Spielstätten mitversorgt, ist Verhandlungssache.

In der ersten Stufe am wenigsten von der Reform betroffen wäre demnach das Volkstheater Rostock. Ausgerechnet dort wurde bisher am wenigsten gespart. Auch die Einspielergebnisse sind in Rostock am schlechtesten. Die GmbH-Umwandlung des städtischen Eigenbetriebes, die in den drei anderen Mehrspartentheatern bereits erfolgt ist, steht hier erst noch bevor.

Auch hat die Hansestadt noch immer keine Entscheidung über einen Theaterneubau getroffen . Mit dem jetzigen Gebäude würde jedoch die in der zweiten Stufe ins Auge gefasste Fusion mit dem Schweriner Staatstheater schon an den räumlichen Voraussetzungen scheitern.

Das Volkstheater gewinnt mit dem Reformpaket also Zeit, die andere Häuser bereits für Einsparungen genutzt haben. Kritiker werden sagen, hier wird Untätigkeit belohnt.

Einseitigen Kürzungen
Riegel vorgeschobenAndererseits zeigt gerade die dramatische Entwicklung am Volkstheater Rostock, dass immer wieder verschleppte Strukturanpassungen bei Bürgermeistern und Kommunalparlamenten völlig indiskutable Kürzungspläne lostreten können.

Insofern reicht Bildungsminister Henry Tesch (CDU) den Theatern mit seinem Reformkonzept sogar einen Rettungsring, der die Theater schützt.

Die Landesregierung setzt den Kommunen nämlich die Pistole auf die Brust: Die Fördermittel in Höhe von jährlich 35,8 Millionen Euro fließen nur dann kontinuierlich bis 2020 weiter, wenn die Träger der vier und später zwei Mehrspartentheater sich zu mindestens 50 Prozent an der Grundförderung ihrer Einrichtungen beteiligen. Damit wird einseitigen Kürzungen der Kommunen ein Riegel vorgeschoben. Tesch geht sogar noch einen Schritt weiter. Er stellt ein Ultimatum. Bis 31. Dezember 2008 müssen die Kommunen diese finanzielle Selbstverpflichtung abgegeben haben.

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