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Die „Danzlüd“ aus Wismar : Sportliche Show statt Schunkelei

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Es ist die Generalprobe für das Internationale Folklorefestival, das heute in der Hansestadt beginnt - und Wolfgang Voß sieht bei seinen Schützlingen in Details noch Nachholbedarf.

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erstellt am 20.Jul.2011 | 11:33 Uhr

"Vorwärts, vorwärts! Nein, neiiiin!", schallt es durch das Theater von Wismar. "Ein ,Aua gibts hier nicht", setzt Tanztrainer Wolfgang Voß noch brüllend nach. Einige seiner Sportler der "Danzlüd ut Wismer" verdrehen genervt die Augen. Es ist die Generalprobe für das Internationale Folklorefestival, das heute in der Hansestadt beginnt - und Wolfgang Voß sieht bei seinen Schützlingen in Details noch Nachholbedarf.

Denn bis zum Festivalbeginn soll wirklich alles passen, sagt Voß, der auch Direktor des Festivals ist. Rund 600 Musiker und Tänzer erwartet er zum fünftägigen Programm, darunter auch Ensembles aus Puerto Rico, Weißrussland, Kolumbien und Costa Rica sowie aus verschiedenen Teilen Deutschlands.

Tanzgruppe feierte schon zu DDR-Zeiten Erfolge

Der 76 Jahre alte Voß selbst ist ein Urgestein der Folkloreszene:Im Jahr 1950 entflammte seine Begeisterung für die alten Bräuche, an die die "Danzlüd" bis heute mit ihren aufwendigen Kostümen erinnern. Als Folkloregruppe an der damaligen Mathias-Thesen-Werft feierte die Truppe in der DDR Erfolge: "Wir waren eines von zwei Ensembles, das in die kapitalistische Welt reisen durfte", erinnert sich der gelernte Schiffbauer Voß. Heute sei die sechste oder siebte Generation aktiv.

Zur aktiven Generation gehört auch Voß Tochter Kathrin Pissarek, die mit 49 Jahren die Älteste in der Gruppe ist. Sie stellt gleich klar: "Was wir machen ist kein klassischer Volkstanz, sondern Leistungssport". Und das sieht man im Training, nach wenigen Minuten fließt der Schweiß in Strömen. "Viele Leute denken, dass beim Folkloretanzen nur alte Menschen ein bisschen schunkeln", sagt die 21-jährige Julia Winkler, auch ihren Freunden an der Uni Lüneburg muss sie ihr Hobby immer wieder erklären. "Wir machen eine echte Show, beruhend auf norddeutschen Traditionen", fasst Wolfgang Voß das Programm zusammen. Tänze wie das "Erntefest in Mecklenburg" wurden vor Hunderten von Jahren schon in den Dörfern getanzt. Inhalte und Kostüme seien historisch belegt und für die Bühne bearbeitet worden. Im Repertoire haben die "Danzlüd" vor allem Tänze von der Küste, aus Wismar, von der Insel Rügen und aus Friesland - all das bieten sie in einer eineinhalbstündigen Vorführung, bei der sie achtmal die Kostüme wechseln.

Doch es wird immer schwieriger, die Gruppe zusammenzuhalten. Früher hätten sie zweimal pro Woche trainiert, heute kämen sie nur noch alle 14 Tage zusammen, weil viele Aktive auswärts wohnten und studieren würden, sagt Kathrin Pissarek. Auch mit den Reisen quer durch die Welt sei es leider vorbei.

Vor wenigen Jahren sei sie mit den "Danzlüd" noch in Afrika, Asien und Amerika aufgetreten. "Wir haben mit Nachwuchsproblemen zu kämpfen", sagt sie. Vor allem Männer seien nicht einfach für die Tänze zu begeistern.

Dass er für die Auftritte in den kommenden Tagen immer noch ein gutes Ensemble zusammen bekommt, stimmt den strengen Trainer doch noch versöhnlich. "Die kommen alle von der Arbeit, wollen eigentlich ein Bier trinken und dann meckere ich hier rum", sagt Wolfgang Voß mitten in der Probe: "Ich bin nicht umsonst stolz auf die Truppe".

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