Mit Streetworker Marcus Wergin in Schwerin auf Tour : Sozialarbeit zwischen Seil und Suppe

Der Mann mit der schwarzen  Mütze und 'seine' Jugendlichen: Marcus Wergin ist beim Kochen der Ein-Topf-Küche oft vor Ort und  für jedes Gespräch offen.Hoefer
Der Mann mit der schwarzen Mütze und "seine" Jugendlichen: Marcus Wergin ist beim Kochen der Ein-Topf-Küche oft vor Ort und für jedes Gespräch offen.Hoefer

"Ich gehe dorthin, wo die Jugendlichen sind", sagt Marcus Wergin, wenn er gefragt wird, was eigentlich Streetwork ist." Ein Mann für die gesamte Innenstadt - vom Obotritenring bis hinunter an den See.

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08. Oktober 2011, 10:43 Uhr

"Ich gehe dorthin, wo die Jugendlichen sind", sagt Marcus Wergin, wenn er gefragt wird, was eigentlich Streetwork ist. "Und biete meine Hilfe an." Ein Mann für die gesamte Innenstadt - vom Obotritenring bis hinunter an den See. Doch wo sind die Jugendlichen? Welche Hilfe wollen und brauchen sie? Marcus Wergin nahm SVZ mit auf eine seiner Touren. Mit dem Rad, "weil das in Schwerin am schnellsten geht".

Unaufdringlich will er sein, nicht belehren, sich aber auch nicht anbiedern. Schon rein äußerlich kommt er rüber wie einer von ihnen. Sein Alter lässt sich schwer schätzen. Er trägt Jeans, ka riertes Hemd oder Pulli, eine Wollmütze und fährt rasant über Bürgersteige und Straßenbahnschienen auf seinem schwarzen Rad, das für Ein-Topf-Küche, Streetwork und die Evangelische Jugend Schwerin wirbt, die Träger all dieser Angebote ist. In den Pausen raucht er gern eine Selbstgedrehte, sein Handy hat er immer dabei, er ist ständig online. Vor Ort sein, Kontakte knüpfen, dort sein, wo die Jugendlichen sind - das bedeutet eben auch im Netz. Mit einem eigenen Facebook-Account. Wenn eine Anfrage kommt, vibriert es, Marcus Wergin steigt kurz vom Rad, schaut, tippt, sendet, steigt wieder auf, fährt weiter. Dorthin, wo die Jugendlichen sind: Schulabbrecher und Studienanfänger, Alkoholiker und Obdachlose. Manchmal ist es ein konkretes Problem, das sie zu Marcus Wergin treibt, manchmal brauchen sie nur jemanden, der zuhört. Manchmal haben sie einfach Hunger - und die Evangelische Jugend hat die Ein-Topf-Küche.

Im freien Fall durchs soziale Netz

Einmal die Woche wird aus Zutaten, die die Tafel liefert, gemeinsam etwas Warmes zubereitet, das in einen Topf passt. Die mobile Küche startet zeitgleich mit uns am Paulskirchenkeller. Dort ist auch ein zentraler Treffpunkt - zum Klönen, Projekte entwickeln, Konzerte anhören. Ein Geheimtipp, der längst schon keiner mehr ist und seit fast 30 Jahren viele treue Fans hat.

Während die Küchenfraktion Richtung Siegessäule aufbricht, peilt der Streetworker die Spielplätze an. "Ich gehe auch in die Wohnungen", erzählt er. "Aber nur, wenn ich eingeladen werde oder einen Hinweis bekomme, dass jemand meine Hilfe braucht." Marcus Wergin kennt Wohnungen, in denen manchmal zehn Jugendliche gleichzeitig leben, vier Hunde und ein paar Ratten, erzählt er. Junge Männer, die als obdachlos gelten würden, finden dort ein Quartier für die Nacht. Sie schließen Freundschaften auf der Straße, die ein paar Tage halten. Oder Wochen. Dann schlafen sie wieder draußen, oder in einer anderen Wohnung. Manchmal in einem leer stehenden Haus.

Ein oder zwei dieser Jugendlichen hofft Marcus Wergin an diesem Nachmittag zu treffen. "Einer der Jungen ist erst 18 und lebt schon seit anderthalb Jahren auf der Straße", sagt Wergin. "Er ist durchs soziale Netz gefallen, schläft oft draußen, schnorrt sich seinen Lebensunterhalt zusammen. Ich habe ihn vor ein paar Tagen an eine Hilfestelle weitervermittelt, die mit ihm Behördengänge machen und ihm einen Platz zum Schlafen besorgen kann. Seitdem hat er sich nicht mehr bei mir gemeldet." Ein gutes Zeichen, meint Wergin. Dennoch versucht er ihn öfter anzuklingeln auf der Tour durch die Feldstadt. Erfolglos.

Vertrauen aufzubauen erfordert viel Geduld

Am ersten Halt treffen wie eine Gruppe Jugendlicher, die es sich in einem Kletterhaus gemütlich gemacht hat. Wergin klopft kurz an, stellt sich vor, hinterlässt einen Flyer mit Telefonnummern, Projekten, Aufgabenbereichen. Der Erstkontakt sollte nie zu lange dauern, sagt er. Tiefere Gespräche kommen später zustande, wenn die Jugendlichen "Marcus" öfter gesehen oder etwas über ihn gehört haben. Vertrauen aufzubauen fordert einen langen Atem.

Die nächsten beiden Spielplätze sind menschenleer, auf dem Weg zum Bleicherufer platzt dem Streetworker ein Reifen. Alle geplanten Anlaufstellen werden wir also nicht mehr schaffen.

Das Bleicherufer ist es gerammelt voll. Eltern schaukeln ihre Kleinkinder, an der Metallkuhle zeigen junge Radfahrer eine coole Show. Wergin kennt sie noch nicht. "Es gibt drei Möglichkeiten der Kontaktaufnahme", erzählt er. "Entweder ich lasse mich vorstellen. Oder ich stelle mich selbst vor. Manchmal reicht es, sich kurz aufzuhalten und nach einer Woche wiederzukommen. Irgendwann werde ich angesprochen." So auch heute. Wir bewundern die Radkünstler, die jungen Fans staunen über das Streetworker-Bike. "Dich kenne ich doch aus dem Kletterwald", sagt ein Jugendlicher zu Marcus Wergin. Kontaktaufnahme geklappt. Später mehr.

"Das lief besser als erwartet", sagt Wergin, der jetzt doch lieber den Fahrradladen ansteuert. Auf dem Weg gibt es einen Zwischenstopp an einem leer stehenden Haus. Wir gehen durch die dunkle Toreinfahrt auf einen Hof, der gar nicht unbewohnt aussieht. Müll liegt im hohen Gras. Aber keine Spritzen, wie Wergin vermutet hatte. "Hier war lange Zeit ein Fixertreffpunkt", sagt er. Das Gittertor, durch das die illegalen Bewohner ins Haus gekommen waren, ist verschlossen. Die Zeitungen auf dem Boden stammen aus der vergangenen Woche. Die Plane vor einem Gaubenfenster sei neu, ansonsten registriert Wergin kein Zeichen von Leben im Haus. Er ruft einen Namen, schaut noch einmal ins Gras und greift wieder zum Rad. "Ich will keinen Hausfriedensbruch begehen. Und ich respektiere auch, wenn jemand von mir in Ruhe gelassen werden möchte."

Zehn Minuten später sind wir am Platz rund um die Siegessäule. Hier wird schon für die Ein-Topf-Küche geschnippelt. Die Tafel-Ausbeute war diesmal ein bisschen einseitig: Rosenkohl, Blumenkohl, grüne Bohnen, Paprika. Basis: eine asiatische Reis-Suppe. Die Streetmonkeys haben ihre Gummiseile gespannt und balancieren. Ein weiteres Projekt von Marcus Wergin, das seit drei Jahren läuft. Kontaktaufnahme über Klettern. Seit März gibt es sogar einen Ableger auf dem Schulhof des Fridericianums. "Speed-Pädagogik" nennt Wergin diese Arbeit zwischen den Klingelzeichen.

Ein Stückchen Hoffnung in der Ein-Topf-Küche

Einige Fridericianer klettern auch an diesem Nachmittag an der Siegessäule. Eine ältere Dame plaudert mit einem Streetmonkey. Und der junge Obdachlose, den Wergin gesucht hat, ist auch gekommen. Mit Hündin, die er ausgiebig kuschelt. Aus einem Handy singt Cindy Lauper eine 80er-Jahre-Ballade. Idylle pur? "Ein einzelner Streetworker für den großen Bereich und dann noch nicht mal auf einer vollen Stelle - das ist ganz schön wenig", resümiert Wergin. Die Jugendlichen, die hier so friedlich zusammensitzen, haben zum großen Teil echte Probleme. Einer ist schwer alkoholabhängig, mehrere sind obdachlos. Schulden, Drogen, Liebeskummer, Stress mit den Eltern, kein Job, gesundheitliche Probleme, kein Geld, wenig Perspektiven, dafür öfter mal ein Konflikt mit der Polizei - das sind die traurigen Geschichten hinter den heute fröhlichen Gesichtern. "Aber man kann nicht immer das halbleere Glas sehen", sagt Wergin. "Wer heute hier ist, ist heute nicht allein, hat heute keinen Hunger, hat heute keinen Ärger mit der Polizei. Ein kleines Stückchen Hoffnung mit einem Teller Suppe im Bauch." Marcus Wergin lächelt: Zu viel Sozialromantik? Warum eigentlich nicht?

Er selbst würde "seine" Jugendlichen gerne länger und intensiver begleiten, zu Ämtern, auf Wohnungs- und Jobsuche mit ihnen gehen. Doch dafür ist keine Zeit, er kann sie nur weitervermitteln. Und hoffen, dass bei den neuen Ansprech partnern auch die Chemie stimmt. Heute will Marcus Wergin noch bis zum Einbruch der Dunkelheit an der Siegessäule bleiben, Gespräche vertiefen. Wenn er nach Hause kommt, sind seine drei Kinder schon im Bett. "Aber ich habe sie heute Nachmittag alle abgeholt und nach Hause gebracht", erzählt der Schweriner, der ebenso gern Familienmensch wie Sozialarbeiter ist. Und der Beruf und Privatleben perfekt trennen kann. Mit einem winzigen Trick: "Die Wollmütze ist meine Arbeitskleidung", sagt er. "Wenn die ab ist, bin ich privat. Das wissen alle - und respektieren es auch."

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