Soldat im Hungerstreik

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15. Mai 2008, 09:27 Uhr

Neubrandenburg - Für Monty Schädel, Sprecher der Deutschen Friedensgesellschaft ist die Prozedur einfach nur Schikane: Jede Stunde wird Soldat Matthias Schirmer vom Logistikbataillon 142 in Viereck bei Pasewalk vom Diensthabenden geweckt. Dazu ein Bundeswehr-Sprecher der Heeresführung in Koblenz gegenüber unserer Redaktion: „Soldaten im Hungerstreik werden medizinisch überwacht, das ist so verfahrensüblich.“ Schließlich sei die Bundeswehr für die Gesundheit ihrer Soldaten verantwortlich.

Der Mann aus Friedrichshafen am Bodensee befindet sich seit vergangenem Donnerstag im Hungerstreik, nachdem er vom Bataillonskommandeur zum zweiten Mal zu 21 Tagen Disziplinararrest verdonnert worden war. „Es geht ihm den Umständen entsprechend ganz gut“, sagte Schädel gestern. Bereits seit seiner Ankunft in Viereck am 4. April weigert sich Schirmer, eine Uniform anzuziehen. Auch den Befehl, sich zu rasieren, verweigert er kategorisch.

Auch seiner Einberufung zum 1. April war der Totalverweigerer nicht nachgekommen. Die Feldjäger hatten ihn vier Tage später aus seiner Wohnung abgeholt und nach Viereck gebracht. Seitdem führt er in der Kaserne einen Kleinkrieg gegen die Bundeswehr.

Schirmer führt Gewissensgründe an und bezeichnet die Wehrpflicht als „nicht vereinbar mit Demokratie und Freiheit sowie den Menschenrechten“ und verweigert deshalb sowohl den Dienst an der Waffe als auch den Ersatzdienst.

„Zivildienstleistende können im Konzept der Gesamtverteidigung zu waffenlosen Diensten herangezogen werden und wirken entsprechend kriegsunterstützend“, erklärte Schädel.
Die Bundeswehr befindet sich im Fall Schirmer in der Defensive, zumindest was die Auskünfte gegenüber den Medien angeht. Presseoffiziere in Mecklenburg-Vorpommern verweisen auf das Presse- und Informationszentrum des Heeres in Koblenz. Dort wurde der Hungerstreik lediglich bestätigt, weitere Angaben „aus datenschutzrechtlichen Gründen“ allerdings abgelehnt.

Ein Hauptmann erklärte dann doch, dass eine Zwangsernährung nicht vorgesehen ist, in einer lebensbedrohlichen Situation allerdings „alle lebenserhaltenden Maßnahmen“ durchgeführt würden.
Denkbar, dass Schirmer nach Verbüßung der zweiten Arreststrafe aus der Armee entlassen wird. In zwei ähnlichen Fällen wurde im vergangenen Jahr so verfahren und die Totalverweigerer nach ihrer Entlassung von Gerichten zu gemeinnütziger Arbeit und Geldstrafen verurteilt.

Der Fall Schirmer ist politisch pikant und wirft erneut die Frage nach der Wehrgerechtigkeit auf: Denn seit Jahren werden weniger als ein Drittel der Wehrpflichtigen in Deutschland zum Bund gezogen. Denn die Armee braucht wegen Truppenreduzierung und weniger Soldaten, dennoch will die Politik weiter an der Wehrpflicht festhalten.

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