„So etwas habe ich noch nie gesehen“

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16. Juli 2008, 09:46 Uhr

Schwerin - Dreißig Jahre sei er schon Kinderarzt am Schweriner Krankenhaus, „doch ein so stark unterernährtes Kind habe ich noch nie gesehen“, sagte Dr. Dirk-Rainer Böttcher mit leiser und brüchiger Stimme, nachdem er im gestern eröffneten Mordprozess gegen die Eltern von Lea-Sophie, Nicole G. (24) und Stefan T. (26), von Richter Robert Piepel in den Zeugenstand gerufen worden war.

Im Saal 1 des Langerichts Schwerin herrschte Stille, als sich der Mediziner immer wieder mit seiner Hand über Wange und Ohr fuhr und detailliert beschrieb, in welcher erbärmlichen Verfassung das Mädchen am 20. November 2007 abends gegen 20 Uhr auf seine Station gebracht worden war. „Das Kind war in einem katastrophalen Zustand, verdreckt und verschmutzt“, berichtete er. Der Po des Mädchens sei von Fäkalien und geronnenem Blut verkrustet gewesen. Am Rücken entdeckten die Mediziner Durchliegegeschwüre. Manche davon reichten bis in die Knochen. „Wir standen fassungslos davor“, gab Dr. Böttcher sichtlich bewegt zu Protokoll.

Nur auf große Schmerzreize, etwa durch Umbetten oder das Anlegen von Kanülen, habe Lea-Sophie noch reagiert. Dies allerdings nur mit „ungezielten Abwehrreaktionen“, so Dr. Böttcher. Das Mädchen habe sich praktisch im Koma befunden. Sehnen und Muskeln seien verkürzt und geschrumpft gewesen. Arme und Beine habe das Kind deshalb wahrscheinlich nicht mehr bewegen können, sagte der Arzt. In kurzer Zeit habe es so weit nicht kommen können, dieser Zustand müsse sich „über Wochen“ entwickelt haben, so Dr. Böttcher.

Selbst Adrenalin-Spritze direkt ins Herz half nicht
Um 23 Uhr schließlich starb Lea-Sophie – nach dem zweiten Herzstillstand. Sie wog zu diesem Zeitpunkt weniger als 7,4 Kilogramm. Auf die Frage von Rechtsanwalt Ullrich Knye, Verteidiger der Mutter, ob er Lea-Sophie möglicherweise im Nachhinein medizinisch anders behandeln würde, antwortete Dr. Böttcher: „Hätte die Therapie zwei Wochen früher eingesetzt, hätte es Chancen gegeben.“ Am 20. November wäre das Kind aber selbst mit einer modifizierten Therapie nicht mehr zu retten gewesen. Selbst eine Adrenalin-Spritze direkt ins Herz habe schließlich nichts mehr bewirken können. „Da war einfach keine Energie mehr“, so der Mediziner. Nach seiner Ansicht hätte Lea-Sophie, wäre sie gerettet worden, wahrscheinlich schwerste Schäden davongetragen: „Man hätte es dem Kind nicht wünschen können, dass es wieder lebt.“

Die Mutter nahm die Aussage des Kinderarztes äußerlich regungslos zur Kenntnis. Die 24-Jährige, eine zierliche Frau mit rötlichen Haaren, schaute starr aus dem Fenster. Der 26 Jahre alte Vater, der im schwarzen Anzug im Gericht erschienen war, hielt den Blick gesenkt, schluckte seine Tränen herunter.
Beide haben laut Staatsanwaltschaft bislang behauptet, die Gefahren ihres Verhaltens für Lea-Sophie nicht erkannt zu haben. „Gequält und roh misshandelt“ hätten die Eltern ihr Kind, es vernachlässigt und sich mit der Möglichkeit von Lea-Sophies Tod abgefunden, las Staatsanwalt Jörg Seifert beim Prozessauftakt aus der Anklageschrift vor.

Stefan T.: „Ich habe als Vater versagt“
Die Mutter schwieg gestern zu den Vorwürfen. Der Verteidiger des Vaters, Ralph-Oliver Schürmann, verlas eine Erklärung seines Mandanten: Im August 2002 wurde Lea-Sophie geboren. Der Vater war bei der Bundeswehr. Die Mutter lebte mit dem Kind bei ihren Eltern. Zwei Jahre später zog das Paar zusammen. Schon früh habe es Spannungen zu den Adoptiveltern der Mutter gegeben. „Sie haben sich permanent eingemischt“, erklärte der Vater. Darauf hin habe sich die junge Familie immer mehr eingeigelt.

Im September 2007 wurde Justin geboren. Lea-Sophie reagierte Stefan T. zufolge eifersüchtig auf ihren kleinen Bruder. Sie habe mit Spielzeug geworfen und kaum gegessen. Die Eltern sorgten sich vorerst offenbar wenig. „Wir sind alle keinen guten Esser“, so der Vater. Sie hätten auf Lea-Sophie eingeredet, doch das Kind habe gebockt. „Wenn man Hunger hat, wird man schon essen“, habe er aber gedacht, so Stefan T.. Eine falsche Sicht, wie er gestern zugab: Die Eltern hätten vor dem Zustand des Kindes die Augen verschlossen. Er habe „als Vater versagt“, es tue ihm unendlich leid. Der Prozess wird am 30. April fortgesetzt. Am 9. Juni soll das Urteil gesprochen werden.

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