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20. September 2017 | 02:29 Uhr

Signore Righetto kochte vor Wut

vom

svz.de von
erstellt am 25.Jun.2010 | 05:58 Uhr

Ludwigslust | Die 2:3-Niederlage gegen die Slowakei und das bittere Vorrunden-Aus bei der Fußball-Weltmeisterschaft haben nicht nur die Fans im eigenen Land in tiefe Trauer gestürzt. Auch in Ludwigslust gibt es einen Italiener, dem das frühe Ausscheiden der Squadra Azzurra ganz und gar nicht schmeckt.

Stefano Righetto steht hinter dem kleinen Tresen im Restaurant "Pene e vino" und ist gerade dabei, sich in Rage zu schimpfen. Die Stichworte "Fußball" und "Italien" reichten aus, um den Mann von wuchtiger Gestalt so aufzuregen, dass sich die Stellen in seinem Gesicht rot färben, die nicht vom Vollbart verdeckt sind. "Italien", sagt der Mitinhaber und Koch der Gaststätte, "ist einfach nur satt".

Stefano Righetto spricht schneller, als die Kicker des amtierenden Weltmeisters den Ball auf dem Platz laufen ließen. Hätten die italienischen Profis nur ansatzweise mit dem Engagement gespielt, wie der Mann aus dem norditalienischen Vicenza über Fußball philosophiert, dann hätte dies locker fürs Halbfinale reichen müssen. Doch es wurde noch nicht einmal das Achtelfinale, und das hat Signore Righetto noch nicht verdaut. "Zu alt, die Mannschaft ist viel zu alt. Schau, Cannavaro ist fast 37 Jahre ", stöhnt er und schüttelt den Kopf. Als der Name Marcello Lippi fällt, schlägt der Koch die Hände vors Gesicht. "Trainer Lippi, der hat alles falsch gemacht", ist sich Righetto sicher. Die Spieler von vor vier Jahren, als Italien die WM in Deutschland gewann, die habe er jetzt als Dankeschön mit nach Südafrika genommen. "Zu alt, alle zu alt", wiederholt er noch einmal. Lippi habe nicht den Mut gehabt, junge Spieler ins Team einzubauen. Schon beim Confederations-Cup vor einem Jahr, als Italien mit vielen Oldies gegen Ägypten mit 0:1 verlor, hat Righetto geahnt: Bei der WM, das wird nichts. "Die Deutschen, die setzen auf die jungen Spieler. Das ist der richtige Weg", sagt der Fan, und lobt Spieler wie Özil, Müller oder Marin.

Im Restaurant hängt an einer Wand ein Trikot des italienischen Spitzen-Clubs Inter Mailand direkt neben dem Flachbildschirm, auf dem sich Righetto tagszuvor die ernüchternde Niederlage der italienischen Nationalmannschaft angeschaut hat. Wäre da nicht der Champions-League-Sieg seines Lieblings-Vereins gegen die Bayern aus München im vergangenen Mai gewesen, dann hätte er das Fußball-Jahr 2010 ganz abhaken können. Der Nationaltrainer, das steht fest, geht, und der Gastronom hält große Stücke auf Cesare Prandelli, Lippis Nachfolger. "Prandelli setzt auf den Nachwuchs, das wird was. Aber das jetzige Turnier ist für mich gelaufen. Ich habe keine Lust mehr auf die WM".

Doch im "Pane e vino" wird weiter Fußball geschaut, denn Greco Ruz (kl. Foto) interessiert die Weltmeisterschaft nach wie vor. Der 15-Jährige absolviert gerade ein Schulpraktikum in dem Restaurant und kommt aus einem der südamerikanischen Länder, die bisher eine überraschend gute Rolle gespielt haben: Chile. "Ich hätte nicht gedacht, dass das so gut läuft", sagt Greco Ruz. 1:0-Siege gegen Honduras und die Schweiz - das macht Lust auf mehr. Der Chilene lebt seit drei Jahren mit seiner Familie in Ludwigslust und wird in drei Monaten wieder in sein Geburtsland zurückkehren. "Es wäre schön, wenn das Turnier für uns noch lange weitergehen würde", sagt der Schüler.

Vor dem Restaurant hängt die italienische Flagge. Sie war vor der Weltmeisterschaft da, und bleibt auch nach dem Ausscheiden hängen. Das versichert Chef Stefano Righetto. Der Fußball-Fan hat Argentinien und Brasilien ganz oben auf der Rechnung, wenn es um die Vergabe des WM-Titels geht. "Und die Deutschen", sagt der 42-Jährige, "die können noch für eine Überraschung sorgen".

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