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21. November 2017 | 03:53 Uhr

"Color Fantasy" : Sicherheit geht vor

vom

Auf der "Color Fantasy" beginnt, zufällig einen Tag nach dem Unglück der "Costa Concordia", die Generalüberholung eines Hilfsmotors. Wir wagen einen Blick ins Innere des Schiffes.

svz.de von
erstellt am 04.Feb.2012 | 02:24 Uhr

Es ist 10 Uhr morgens. Die "Color Fantasy" hat Kiel pünktlich erreicht und liegt am Norwegenkai. 224 Meter lang, 35 Meter breit, 60 Meter hoch, 15 Decks: Eine der größten Seefähren bietet einen imposanten Anblick. Hinter der Tür, die gleich den Weg vom Promenadendeck 7 auf die Gangway frei machen wird, drängen sich Hunderte Passagiere. Noch bevor die Gäste das Schiff verlassen können, gelangt das Reinigungspersonal von ihnen unbemerkt über einen Seiteneingang an Bord. Routiniert nutzen die Männer und Frauen die wenigen Stunden bis zur Abfahrt um 14 Uhr, um die fast 1000 Kabinen zu reinigen. Nur die wenigen Passagiere, die an Bord bleiben, bekommen von dieser Arbeit etwas mit.

10 Uhr morgens ist auch die Zeit für eine kurze Kaffeepause für die Mannschaft in der Werkstatt neben dem Maschinenraum. Seit einigen Tagen sind auch Mathias Kolb und Tim Jeßien mit an Bord. Die beiden Service-Mechaniker des finnischen Motorenfabrikanten Wärtsila nehmen eine routinemäßige Generalüberholung eines der vier Hilfsmotoren vor, die den Strom an Bord produzieren. Die Klimaanlagen an Bord, deren größte in der Mitte des Schiffes eine Art riesige Lunge darstellt, werden durch ihn betrieben, ebenso die Wasserpumpen und die über 30 000 Lichtquellen. 12 000 Betriebsstunden hat der Motor nun schon zum dritten Mal hinter sich gebracht. Sechs Zylinder müssen dabei ausgebaut und zur genaueren Untersuchung in die Werkstatt nach Hamburg gebracht werden. Die beiden Mechaniker fahren die Strecke Oslo-Kiel deswegen fünf- oder sechsmal hintereinander, bis ihre Arbeit getan ist.

Es kommt auf den Hundertstelmillimeter an

Kolb und Jeßien hantieren mit Kolbenkronen, Kolbenstangen und Laufbuchsen, deren Größe Pkw-Motorenteile wie einen Modellbausatz erscheinen lassen und die mehrere Hundert Kilo schwer sind. Zylinder - annähernd so groß wie Mathias Kolb, der kleinere der beiden Mechaniker - müssen mit Kettenzügen und Kränen bewegt werden. Die Teile sind so fest zusammengeschraubt, dass manche Metallbolzen hydraulisch ein kleines Stück auseinander gezogen werden müssen, damit sie überhaupt zu bewegen sind. Und dennoch muss die Arbeit exakt sein.

Die Teile sind so genau gearbeitet, dass es trotz der Größendimensionen bei der Wiedermontage auch auf den Hundertstelmillimeter ankommen kann. Und das alles passiert ein paar Meter unterhalb des Meeresspiegels, bei ohrenbetäubendem Lärm, den die drei laufenden Hilfsmotoren erzeugen, nur mit Ohrenschutz auszuhalten. Überraschend sauber aber wirkt der Maschinenraum der "Color Fantasy" mit den vielen weißen und türkisen Metallflächen. Beinahe steril. Und überraschend kühl, dank einer gut funktionierenden Lüftung.

Kolb und Jeßien kennen da auch ganz andere Schiffe. Ihr Job bringt es mit sich, dass sie - kaum zu Hause in Jesteburg (Kreis Harburg, Niedersachsen) und Glinde (Stormarn) - schon wieder ihre Koffer packen müssen. Ständig werden sie irgendwo gebraucht, sei es auf einem Containerschiff bei der Atlantik-Querung oder in Panama auf einem Kreuzfahrer. "Auf der ,Color Fantasy ist schon alles sehr in Ordnung", sind sie sich einig. Das Schiff sei personell und auch sonst gut ausgerüstet. Das Team von Chefingenieur Odd Johannessen umfasst neben dem Ersten Ingenieur und den Zweiten Ingenieuren auch mehrere Motorenwärter, die gemeinsam kleinere Reparaturen selbst erledigen können. Auch eine gut ausgerüstete Werkstatt und ein Ersatzteillager sind an Bord zu finden. Kolb: "Das ist keineswegs selbstverständlich."

Genauso wenig, wie der Umgang mit den Verschleißerscheinungen, die bei der Wartung entdeckt wurden. Während ein Kolbenteil schon in Hamburg ausgetauscht wurde, hängt es bei einem anderen von Johannesens Urteil ab. Die Treibstoffverbrennungen haben in einem Zylinder eine Kolbenkrone angegriffen. Der Verschleiß liege zwar noch innerhalb des Toleranzbereiches, dennoch habe der Chefingenieur entschieden, die Krone auszutauschen. Kostenpunkt rund 1000 Euro. "Auf vielen Schiffen wäre das Teil einfach wieder eingebaut worden, ohne dass man lange darüber diskutiert hätte. Aber hier wird nicht gegeizt", erklärt Kolb.

Zehn Monitore aus dem Maschinenraum

"Sicherheit geht eben vor", erklärt Johannessen an seinem Arbeitsplatz. Hier, im Kontrollraum neben dem Maschinenraum, laufen viele Fäden zusammen. Die Verbindung zur Brücke und zu Kapitän Istvan Szilagy ist unter anderem mit Telefon, Funk und Telegraf möglich. Ein Notfall-Telefon, für das der Strom von Hand erzeugt wird, ist auch da. Auf über zehn Monitoren zeigen Kameras Bilder aus dem Maschinenraum, Computerprogramme überwachen weitere Dinge, die für die Sicherheit wichtig sind: Temperaturen, Druckverhältnisse und Flüssigkeitsniveaus in Leitungen, Kesseln und Tanks sowie Daten zur Ver- und Entsorgung mit Wasser, Luft und Treibstoff. Oder auch, ob die wasserdichten Türen auf den unteren Decks verschlossen sind. Auf See müssen Sie das sein, können aber allesamt auch binnen Sekunden per Knopfdruck geschlossen werden.

Segmente des Schiffsrumpfes können so voneinander getrennt werden, sodass eindringendes Wasser - sollte es einmal durch ein Leck eindringen - nicht den ganzen Schiffsrumpf fluten kann.

Leck? Eindringendes Wasser? Da klingelt doch was. Doch das Thema "Costa Concordia", der Kreuzfahrer war am 13. Januar vor der italienischen Insel Giglio auf Grund gelaufen, ist auf der "Color Fantasy" keines, das die Gespräche bestimmt. "Wären sie dort mit allem ordnungsgemäß umgegangen, dann hätte das so nicht passieren können", meint Johannessen: "Was sollen wir daraus lernen? Wir können daraus eigentlich nichts lernen, außer dass man mit seinem Schiff nicht zu nahe an die Küste fahren soll. Das wissen wir aber schon. Es ist einfach absurd." Er trifft seine Äußerungen mit dem Vorbehalt, dass es noch keinen offiziellen Bericht zu dem Unglück gibt. Den technischen Bericht darüber, wie das Wasser den Schiffsrumpf flutete und so der "Costa Concordia" zum Verhängnis wurde, erwartet der Mann ein Jahr vor seiner Rente allerdings gespannt. Nicht ohne Grund, ist er doch mitverantwortlich für die Sicherheitsschulung der Besatzung, lässt regelmäßig Spezialteams zu Übungszwecken Rauch und Feuer bekämpfen und den Umgang mit den Rettungsbooten trainieren. Gebraucht wurde diese Erfahrung in den knapp acht Jahren der "Color Fantasy" erst ein einziges Mal: Ein "Feuerteufel" hatte den Mülleimer in seiner Kabine angesteckt. Einer der 5000 Rauchmelder an Bord sprang an und half, das Feuer schnell zu bekämpfen.

Johannessen kennt das Schiff. Seit der Inbetriebnahme im Jahr 2004 ist er an Bord. Er glaubt es so gut zu kennen, dass er hören kann, wenn irgendwas mit den Motoren nicht in Ordnung ist. Um 14 Uhr werden auf ein Zeichen von der Brücke die vier Hauptmotoren gestartet, die die zwei Schiffsschrauben antreiben. Ein lauter Knall, Luft zischt in die Zylinderköpfe, dann laufen die Motoren an. Es wird laut, aber das Rattern und Knattern der Viertakter klingt erstaunlich hell und schnell. "Das ist Musik. Wärtsilä-Musik", findet Johannessen. Alles scheint in Ordnung zu sein.

42 000 PS und über 20 Knoten

Angetrieben von rund 42 000 PS und mit einer Geschwindigkeit von über 20 Knoten steuert die Fähre mit Hunderten Passagieren, Crewmitgliedern, Pkw und Lkw Richtung Oslo. Die Kieler Förde wird durchrauscht, die Ostsee ist glatt "wie ein Ententeich", findet Mechaniker Jeßien. Aber das wird sich noch ändern.

Tags drauf in Oslo angekommen, ist die Temperatur zehn Grad minus, auf dem Deck liegt Schnee. Kolb und Jeßien gönnen sich nach dem Mittagessen in der Messe für Besatzung und Offiziere eine Zigarette. Das ist für sie der "tägliche Spaziergang". Er fällt heute ein bisschen kürzer aus. "Das ist halt nicht Jamaika", kommentiert Jeßien nordisch-knapp die Witterung. Dann ruft die Arbeit im Maschinenraum.

Die Witterungs- und mit ihnen die Arbeitsbedingungen werden härter. Auf dem Rückweg nach Kiel, kaum aus dem Oslofjord raus, nimmt der Wellengang deutlich zu. Trotz der Stabilisatoren im Schiffsrumpf, die die seitliche Kippbewegung reduzieren, sind die Wellen deutlich zu spüren. Für die beiden Mechaniker wird es nun kritisch. Zwei Stunden lang klappt es noch mit erhöhter Vorsicht und Anstrengung, Kolben in Laufbuchsen und Zylinder in den Motorblock gleiten zu lassen. Dann aber wird der Seegang zu heftig. Wie ein Pendel bewegt sich das schwere Metall am Kran im Maschinenraum - nicht wild, aber doch zu viel. Kolb entscheidet: "Wir brechen ab." Sicherheit geht auch für sie vor Schnelligkeit, und nach dem Festzurren der Teile ist der Arbeitstag gegen 18 Uhr beendet. Eine Stunde früher als normal.

Für den 32-jährigen Kolb und den 23-jährigen Jeßien eine günstige Gelegenheit, ihren Bericht für ihren Arbeitgeber und die Reederei zu schreiben, eine Anekdote über Karaoke zu dem Lied "Schatzi, schenk mir ein Foto" mit phillipinischen Besatzungen zu erzählen und an die Liebsten daheim zu denken. Beide haben Partnerinnen und freuen sich, dass die mit ihren permanenten Dienstreisen gut klar kommen. Dann mischen sich die beiden noch ein bisschen unter die Passagiere. Eine Pizza beim Italiener, ein paar Getränke in der "Observation Bar" und im Nachtklub "Tower" - mehr nicht. Alkohol ist für Crewmitglieder streng verboten - und für die Zeit ihrer Arbeit an Bord gehören die beiden Mechaniker dazu.

"Haben die jetzt einen italienischen Kapitän?"

Der Abend und die Nacht gehen vorüber, das Schiff passiert den Kieler Leuchtturm. Auf dem Sonnendeck drehen einige Passagiere bei starkem Wind und Nieselregen eine letzte kleine Runde. Bernd Schnackenberger und Benjamin Struppler aus Nordrhein-Westfalen kommen besser als ihre Partnerinnen mit der rauen See klar. "Da merkt man wenigstens, dass man auf einem Schiff ist", sagen die beiden. Die Betriebsamkeit im Maschinenraum blieb den beiden verborgen. Und das Thema "Costa Concordia" verbuchen sie im Zusammenhang mit ihrem Wochenendausflug unter "schlechtem Timing". Erst einmal an Bord der "Color Fantasy" hätten sie es schnell verdrängt. Ähnlich geht es Margret Tange aus Kappeln und ihrer Schwägerin Sybille Tange-Eisold aus Hamburg. Auch sie hat der Seegang kalt gelassen. "Es sind ja nicht einmal die Sektgläser vom Tisch gerutscht", meint die Hamburgerin. Und wegen des Unglücks der "Costa Concordia" hat auch sie sich während der Fahrt keine Sorgen gemacht. "Die fahren die Strecke meines Wissens seit 50 Jahren unfallfrei." Dann stutzt sie und fragt: "Oder haben die jetzt etwa einen italienischen Kapitän?" Nein, Istvan Szilagy ist Norweger mit ungarischen Wurzeln.

Die "Color Fantasy" erreicht Kiel pünktlich um 10 Uhr morgens. Hinter der Tür warten mehr Passagiere als zwei Tage zuvor darauf, dass sich die Tür zur Gangway öffnet, während - wieder unbemerkt - das Reinigungspersonal an Bord huscht. Mathias Kolb und Tim Jeßien erholen sich derweil fünf Decks weiter unten von den ersten zwei Stunden Arbeit bei einer kurzen Kaffeepause. Vor ihnen liegen noch vier weitere Tage Arbeit auf der "Color Fantasy", erst dann wird "ihr" Motor wieder in Betrieb genommen.

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