Sex, Drugs and Buckelvolvo

Bei der deutschsprachigen Erstaufführung von „Populärmusik aus Vittula“ haben die Jungschauspieler allen die Show gestohlen. Zwischen komischem Klischee und fesselnder Provokation zeigten sie, wie Charaktere erstarken und zerbrechen.

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12. Oktober 2008, 06:47 Uhr

Rostock - Die Premiere beginnt mit einem Schrei. Schauspieler Benjamin Bieber steht in der Rolle des Matti auf dem Gipfel eines Berges. Schnee fliegt wie wild durch die Luft. „Ich bin auf dem Höhepunkt meines Lebens“, ruft er, reißt die Arme hoch. Dann nachdenklicher: „Ich sollte schnell wieder hinunterklettern, bevor es gefährlich wird.“ Dann beginnt er, seine Geschichte zu erzählen. Wie eine Beatles-Platte ihm und seinen Freunden den Mut gegeben hat, aus dem Provinznest Pajala im nördlichsten Schweden auszubrechen, Saunawettbewerben und Saufgelagen zu entkommen.

Filmisch anmutende Bilderflut

„Populärmusik aus Vittula“ ist ein Stück, das provoziert und fesselt. Regisseurin Karariina Lahti sorgte für immer neue Überraschungsmomente: mit einem sich ständig wandelnden Bühnenbild, Live-Musik und einiger nackter Haut auf der Bühne.

Beinahe 50 verschiedene Bilder strömen den Zuschauern während der etwa dreistündigen Aufführung von „Populärmusik aus Vittula“ von der Bühne entgegen. Die Kulisse scheint fortwährend in Bewegung zu sein. Ob Schneetreiben, ein Wasserbecken, Papas Buckelvolvo oder eine ganze Hochzeitsgesellschaft – sowohl in puncto Bühnenbild als auch Besetzung ist das finnische Schauspiel ein Superlativ. Teilweise wechseln die Szenen so schnell, dass die Zuschauer Schwierigkeiten haben, mit dem Tempo auf der Bühne mitzuhalten. Denn wenn Protagonist Matti sich an Momente seiner Kindheit erinnert – wie den ersten Schultag oder die Begegnung mit seinem besten Freund Niila (Hannes Florstedt) – dann sind das Blitzlichter. Erst im Verlauf des Stückes wird es einfacher, einen roten Faden zu erkennen. Die Charaktere der zwei Hauptfiguren formen sich. Und so auch das Bild beim Zuschauer. Die verschiedenen Erzählstränge werden klar. Der Konflikt zwischen Niila und seinem prügelnden Vater – scheußlich gut dargestellt von Axel Holst –, Mattis erste Erfahrungen mit den Mädchen, berauschende Alkoholexzesse, Drogen und vor allem der ewige Widerspruch von gesellschaftlicher Norm und dem Wunsch nach Entfaltung. Nach Momenten herrlich klischeehafter Komik wird der Zuschauer immer wieder zum Nachdenken gezwungen – mit sehr provokanten Mitteln.

Klischees am Wegesrand einer tiefen FreundschaftWenn Matti und Niila beschließen eine Rockband zu gründen, dann vor allem, um den „Tussis“ zu imponieren. Dass es für sie und ihre Bandkollegen Holgeri (Gregor Henze) und Erkki (Ferdinand Wehe) auch ein Weg aus der Enge Vittulas hinaus ist, scheint ihnen nicht bewusst. Die live gespielten Beatles-Songs sind ein Highlight der Aufführung. Vor allem sind es aber die überzeugenden Leistungen von Bieber und Florstedt, die die Zuschauer zu fesseln vermögen.

Freundschaft und Erwachsenwerden stellen die beiden Jungschauspieler so authentisch dar, dass das Publikum voll und ganz in die Geschichte eintauchen kann. Die Figuren, die den Weg der beiden Jungs flankieren, sind Klischees. Die „Kommunistentussi“ (Marie Suttner), Mattis nostalgischer Großvater (Dirk Donat) und der dynamische Musiklehrer aus Südschweden (Özgür Platte) bilden die Bahnen und Kreuzungen, auf denen die Jugendlichen ihren eigenen Weg suchen müssen.

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