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Öffentlich-Rechtliche schalten die Mittelwelle ab : Sendeschluss für den Seewetterbericht

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Zu Wassersportlers Lieblingslektüre taugt dieser Wälzer nicht. Allenfalls Radio- und Fernseh-Nerds frästen sich durch das schwer verdauliche Werk namens "18. Bericht". Allerdings: Für Segler enthält es Sprengstoff.

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erstellt am 05.Jul.2013 | 08:13 Uhr

Schwerin | Zu Wassersportlers Lieblingslektüre taugt dieser Wälzer sicher nicht. Allenfalls Radio- und Fernseh-Nerds frästen sich durch das für Normalsterbliche schwer verdauliche Werk namens "18. Bericht", das die Kommission zur Ermittlung des Finanzbedarfs der Rundfunkanstalten (KEF) vorgestellt hat. Allerdings: Für Segler enthält es Sprengstoff.

Die brisante Passage versteckt sich auf Seite 239 des rund 300 Seiten starken Konvoluts: "Mit dem Ziel der weiteren Kostenminderung hat die Kommission ARD und Deutschlandradio aufgefordert, die Hörfunkverbreitung über die Mittel- und Langwelle einzustellen." Vom Abschalten erwarten die Verfasser Einsparungen "von 79 Mio. Euro pro Beitragsperiode", also binnen vier Jahren.

Bei solchen Ansagen der KEF ist "Aufforderung" ein Euphemismus, er muss als Ordre du Mufti verstanden werden. Bis Ende 2014, verlangt die Kommission, sei der Betrieb auf diesen Frequenzen aufzugeben, zumal bereits seit 2011 an der Einführung des digitalen Radios (DAB+) gearbeitet werde. Es besteht allerdings ein gewaltiger Unterschied zwischen beiden Systemen: die Reichweite. Die Digital-Variante kann nur bis unmittelbar vor den deutschen Küsten empfangen werden, die Mittelwelle hingegen in aller Regel zwischen IJsselmeer und Stockholm.

Sparmöglichkeiten bei öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten auszuloten ist per se nicht verwerflich. Die "Nimmersatten" - so tituliert Medienexperte Hans-Peter Siebenhaar sein Buch zum Thema - sind berüchtigt für verschwenderischen Umgang mit zwangsweise eingesammelten Beiträgen, gespeist also aus einem krisenfesten, nie versiegenden Geldstrom. Die nun verordnete Zurückhaltung bei den Ausgaben betrifft, was die Auswirkung angeht, aber nicht eine der Fragwürdigkeiten aus der Komfortzone. Dieses Mal geht es um Sicherheit, im Zweifel um Menschenleben. Denn auf Mittelwelle strahlen NDR und Deutschlandradio unter anderem den Seewetterbericht aus, das Deutschlandradio außerdem auf Langwelle.

In einer "Zusatzinformation 4" begründete die KEF den Schritt am 17. Januar 2012: "Tatsächlich ist die Zahl der Hörerinnen und Hörer, die diese traditionellen Hörfunk-Verbreitungswege nutzen, nicht mehr messbar. Damit ist die Ausstrahlung über Lang- und Mittelwelle nicht mehr als wirtschaftlich zu bezeichnen." Das ist insofern bemerkenswert, als Wirtschaftlichkeits-Betrachtungen bei den Öffentlich-Rechtlichen meist eine untergeordnete Rolle spielen. Anderenfalls hätten etwa die chronisch defizitären Sender Radio Bremen oder der Saarländischer Rundfunk längst ihre Existenzberechtigung verloren. Und: Anders als beim Fernsehen ist eine exakte Quantifizierung der Hörerzahl im Rundfunk nicht möglich. Für die KEF-Aussage, auf der die Diskussion basiert, fehlt der Beleg.

Der Deutsche Wetterdienst (DWD), der die Vorhersage produziert, intervenierte bei der niedersächsischen Landesmedienanstalt. Man stehe "dieser bedauerlichen Entwicklung ablehnend gegenüber", heißt es in der Note der Meteorologen, die Versorgung mit Seewetterberichten zähle zu "den gesetzlichen Kernaufgaben des DWD". Um die zu erfüllen, sei man auf die flächendeckende Verbreitung durch die Sender "auch weiterhin angewiesen". Dieser Einwand vom August vorigen Jahres lief ins Leere. Ob Segler Wetterinformationen erhalten, folgert Dr. Thomas Bruns, Leiter des Referats Seeeschifffahrtsberatung beim DWD, "ist denen völlig egal. Wahrscheinlich muss erst etwas passieren." Die Seglerschaft horchte erst im Oktober 2012 auf, als die Kreuzer-Abteilung im Deutschen Segler-Verband die Zusammenhänge beschrieb, ebenfalls den Erhalt der großräumigen Ausstrahlung anmahnte und darauf hinwies, dass die auf dem Wege transportierten Berichte "speziell auf die küstenferne Kleinschifffahrt und die Sport- und Freizeitschifffahrt zugeschnitten" seien. Schon richtig andererseits ist, dass sich nicht wie einst zur Sendezeit die Hafenkneipen leerten oder frühmorgens allerorten die Wecker klingeln, damit die Infos keinesfalls verpasst werden. Im Zweifel wurden sie sogar per Kassettenrekorder mitgeschnitten, und man skizzierte auf Vordrucken die Lage. Dass Segler heute zunehmend andere Quellen nutzen, zum Beispiel das Internet oder SMS-Wetterberichte, steht wohl außer Frage. Aber das tun eben längst nicht alle. Woraus sich die Frage ergibt: Ab welcher Fallzahl dürfen sich Menschen nach öffentlichrechtlichem Verständnis auf See mangels Information und Wetter-Warnungen in Gefahr begeben? Diese Denke erzürnte die Aktiven in ihren Clubs. Stellvertretend sei die Hamburger Seglervereinigung Altona-Oevelgönne zitiert, die im Vereinsblatt schrieb: "Wenn Sie einsorgfältiger Segler sind und über die deutschen Nord- und Ostseehäfen hinaussegeln, werden Sie vermutlich diese Informationswege wenigstens gelegentlich nutzen." Die Alternativen zum Hörfunk, auch seine schwächere digitale Variante, sind allesamt mit weiteren Kosten für den Gebührenzahler verbunden, etwa für Roaming, neue Empfangstechnik oder für kommerzielle Wettervorhersager. Die Pläne der Finanzakrobaten vom Rundfunk laufen mithin darauf hinaus, dass eine bislang durch Zwangsgelder bezahlte Leistung eingestellt wird, um zu sparen; zugleich werden die Folgen dieser Maßnahme dem Kunden in Form zusätzlicher Ausgaben aufgebürdet. Zudem taugt der Empfang von SMS-Kürzeln nicht für die meteorologische Navigation, die kontinuierliche Interpretation einer anhand der übermittelten Daten selbst erstellten Wetterkarte hingegen schon. Diese Möglichkeit wäre mit Wegfall des Radio-Reports passé.

Am 22. März 2013 meldet sich dann auch Berlin. In einer Presseerklärung verbreitet der FDP−Bundestagsabgeordnete Torsten Staffeldt: "Unwetter auf See entstehen schnell. Ohne den Seewetterbericht gibt es kaum Frühwarnmöglichkeiten, und das gefährdet Menschenleben." Der Bremer ist selbst viele Jahre zur See gefahren und beurteilt die Situation so: "Vor allem Schiffe der Sport- und Freizeitschifffahrt verfügen nicht automatisch über die technische Ausstattung, Wetter und Sturmwarnungen zum Beispiel über Laptop abzurufen." Staffeldt stellt fest: "Sparen zu Lasten der Sicherheit unserer Seeleute ist fahrlässig."

Der Seniorpartner der Berliner Koalition hingegen sieht die Dinge vollkommen anders. "Im Gegensatz zu kleineren Parteien, die sich leichter als Vertreter einer ganz bestimmten Bevölkerungsgruppe positionieren können, muss eine Volkspartei wie die Christlich-Demokratische Union im Vorfeld einer Entscheidungsfindung eine sehr weitgehende Abwägung aller in Betracht kommender Interessen vornehmen", erklärt der für Schifffahrtsbelange zuständige Bundestagsabgeordnete Hans-Werner Kammer. "Diese Abwägung führt manchmal zu anderen Ergebnissen als bei politischen Wettbewerbern. So auch hier." Bei Kammers Erläuterungen schwingt eine Vokabel mit, der seine Parteifreundin, Bundeskanzlerin Angela Merkel, zu einiger Popularität verholfen hat: "alternativlos" - das Unwort des Jahres 2010.

Und die betroffenen Sender? Weder beim Deutschlandradio noch beim Norddeutschen Rundfunk hängen die Herzen an der Mittelwelle. "Wir haben die Segler nicht vergessen - aber wir müssen auch mit der Zeit gehen", sagt Dr. Chris Weck, Leiter der Hauptabteilung Technik und Infrastruktur beim Deutschlandradio. Da eröffnen sich auch für Segler durchaus interessante Optionen, zum Beispiel die Möglichkeit, den Seewetterbericht permanent ("on demand") abrufen zu können, nicht mehr nur zur festen Sendezeit. Aber eben lediglich in vergleichsweise engen Grenzen - laut Weck "30 Kilometer über Wasser" - und nach Anschaffung entsprechender Empfangsgeräte. Diese Kombination ist es, die derzeit für Unmut sorgt: Gebührenzahlers Mehrbelastung bei gleichzeitig verringerter Gegenleistung. Und die sorgt für Gefahr: Zu Saisonbeginn etwa fiel auf einer Flensburger Yacht in Dänemark das technische Equipment zum Wetterempfang aus - und der unstreitig fortschrittsaffinen Crew blieb unterwegs nur das gute alte Radio als Informationsquelle. Den Seglern ist schwer erklärlich, warum sie künftig auf dieses bewährte und bestens funktionierende Instrumentarium verzichten sollen. S ie irritiert zudem die Frage nach der Verträglichkeit der Abschaltung mit dem Staatsvertrag der Öffentlich-Rechtlichen. Dort heißt es unter Paragraf 5 ("Programmauftrag"): "Der NDR hat den Rundfunkteilnehmern … einen objektiven und umfassenden Überblick über das … Geschehen in allen wesentlichen Lebensbereichen zu geben. Sein Programm hat der Information, Bildung, Beratung und Unterhaltung zu dienen." Diese Pflichten, insbesondere zur Information und Beratung in einem sehr wesentlichen Lebensbereich, nämlich der Sicherheit auf See, endet offenbar an der Landesgrenze. Obwohl der Sender vertragsgemäß zur "Achtung" von "Leben, Freiheit und körperlicher Unversehrtheit" verpflichtet ist. Und noch ein Passus aus dem Staatsvertrag rückt den Wegfall des Wetterberichts ins Anrüchige: "Ziel aller Informationssendungen ist es, sachlich und umfassend zu unterrichten und damit zur selbständigen Urteilsbildung der Bürger und Bürgerinnen beizutragen." Besser ist der Sinn von Wetterinformationen auf See schwerlich zu formulieren. Dabei ermöglicht das Regelwerk für derartige Fälle ausdrücklich eine Lösung: "Der NDR kann bei Fortfall einzelner ihm zustehender Sendekapazitäten gleichwertigen Ersatz verlangen." In diesem Fall aber, so sagt es Michael Plöger, Leiter Zentrale Programmaufgaben beim NDR, sei Ersatz keine Option: "Es geht darum, dass nicht eine Senderkapazität, sondern die gesamte analoge Verbreitungsart zur Diskussion steht." Für eine Abkehr von den Vorgaben sieht Plöger deshalb keine Chance - das Aus für den herkömmlichen Seewetterbericht ab dem Jahr 2015 ist besiegelt. Technisch endet damit eine Ära wie weiland die des Schwarzweiß-Fernsehens oder der Schallplatte. Mit dem Unterschied, dass mit diesem Ende der Abschied von einem Weg für sicherheitsrelevante Information und von seit Generationen bewährtem seemannschaftlichem Verhalten einhergeht. Und für diesen Abschied zahlt der Segler.

Der Autor schreibt für Europas größtes Segelmagazin "Yacht".

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