"Seeleute sind keine Rambos"

Ende Mai war die „Lehmann Timber“ in die Hände von Piraten gefallen. Foto: dpa
Ende Mai war die „Lehmann Timber“ in die Hände von Piraten gefallen. Foto: dpa

Vor Somalias Küste kapern Piraten sieben Schiffe in zwei Wochen und internationale Streitkräfte greifen kaum ein. Der Experte für Schiffssicherheit, Mecklenburger Kapitän Hans-Hermann Diestel sprach mit Juliane Haendschke über die Gründe.

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21. November 2008, 07:47 Uhr

Piraten haben vor der somalischen Küste in den vergangenen zwei Wochen sieben Schiffe unter ihre Kontrolle gebracht. Deutsche Einheiten sind dort, greifen aber nicht ein. Warum?

Hans-Hermann Diestel: Das ist eine gute Frage. Die Regierung gibt massiv Geld aus und schickt Einheiten in den Süden. Andererseits gibt der Bundesrat ein Mandat aus, das Übergriffe, gewaltsames Einschreiten und Verfolgung verbietet. Es ist schwer zu verstehen, was diese Aktionen bewirken sollen. Fakt ist aber, nach dem internationalen Seerecht, darf die deutsche Marine gegen Piraterie vorgehen.

Aber auch andere Nationen werden kaum aktiv. Warum?
Diestel:
Einfach gesagt, der Druck ist noch nicht groß genug. Singapur hat die Piraterie zurzeit unter Kontrolle, weil die Streitkräfte dort aktiv geworden sind. Im Südchinesischen Meer hingegen taucht Piraterie immer wieder auf. Hier stecken die Behörden oft mit drin und drücken ein Auge zu. Piraten müssen ihre Beute ja auch irgendwo loswerden.

Wie schätzen Sie das Piraten-Problem ein?
Diestel:
Das existiert schon seit Jahrhunderten - ein Gesellschaftsproblem, das heute die Weltwirtschaft betrifft. Das Schlimme ist, dass Seeleute mit dem Problem allein gelassen werden.

Wäre es eine Lösung, Handelsschiffe zu bewaffnen?
Diestel:
Wir sind doch keine Rambos. Wir haben mit bewaffneten Auseinandersetzungen nichts zu tun. Die Reeder bezahlen viel Geld für Sicherheit auf See, dafür erwarten sie diese auch. Und das ist ihr gutes Recht. Nur so können sie den Handel in unsichere Gebiete aufrechterhalten. Dort müssen Kriegsschiffe agieren.

Aber die Sicherheit wird immer teurer. Versicherungssummen steigen...
Diestel:
Ja, das stimmt. Viele Schiffe wurden mit Lösegeld freigekauft und das haben die Versicherungen gegeben. Die holen sich das über Beitragserhöhungen zurück. Und die bezahlen die Reeder. Natürlich können die Schiffe Problemzonen umfahren, aber das kostet Treibstoff und so wieder Geld.

Warum werden Menschen überhaupt zu Piraten?
Diestel:
Die Ursprünge liegen in der Gesellschaft. In China ist die Piraterie immer dann aufgeblüht, wenn der Handel zusammengebrochen ist. Ähnlich ist es seit Jahren in Nigeria. Hier sind staatliche Strukturen schwach. Die Einwohner glauben, dass sie vom Ölreichtum aus dem Niger-Delta zu wenig abbekommen. Sie fühlen sich benachteiligt, da lassen Fischer schon mal die Netze liegen und greifen zur Waffe. Ähnlich wie in Somalia, aber das ist ein Sonderfall.

Warum?
Diestel:
Ich war 1990 mehrmals in der somalischen Hauptstadt Mogadischu. Ich glaube, damals zerfielen gerade die letzten Reste der Regierung. Jeder trug eine Waffe mit sich herum. Hier ist die Situation einfach weit dramatischer als anderswo. Zumal die Piraten besser ausgerüstet sind. Sie sind militärisch organisiert. Da muss man schon ordentlich durchgreifen.

Glauben Sie, das Al-Quaida gemeinsame Sache mit den Piraten vor der somalischen Küste macht?
Diestel:
Das ist Blödsinn. Seit den Geschehnissen vom 11. September sind amerikanische Streitkräfte dort aktiv und seitdem gab es keine Meldung, dass Al-Quaida-Kräfte dort gefasst wurden. Das ist eine alberne Geschichte.

Wie gehen Piraten vor, wenn Sie ein Schiff kapern?
Diestel:
Eigentlich immer mit kleinen, schnellen Booten. Früher konzentrierten sie sich auf küstennahe Gebiete, aber in Somalia setzen sie Mutterschiffe ein. Von denen aus starten sie mit ihren kleinen Booten, werfen Haken über die Bordwand und klettern an Seilen oder Bambusrohren an Deck. Sie kommen immer mit mehreren Einheiten. Sie sind so gut bewaffnet, da haben Seeleute kaum eine Möglichkeit, sich mit einfachen Hilfsmitteln zu wehren. Viele Handelsschiffe halten schon von allein an, weil sie Angst haben, zu stark beschossen zu werden. Ich habe von einem Kapitän gehört, der mit seiner Besatzung gekidnappt wurde. Die Belastung war so hoch, dass er an Herzinfarkt gestorben ist.

Können Schiffe solchen Angriffen auch entkommen?
Diestel:
Ja, manche schaffen das. Piraten gehen kein erhöhtes Risiko ein. Wenn sie merken, dass sie nicht weit kommen, dann hauen sie auch ab.

Was muss geschehen, um dem Problem Herr zu werden?
Diestel:
Wir brauchen eine gerechtere Weltwirtschaft. Niemand will nur von Almosen der besser verdienenden Schichten leben. In Somalia kommen wir um militärische Auseinandersetzungen nicht mehr herum.

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