Schulprojekt „Lärm macht krank“ leistet wichtige Aufklärungsarbeit

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15. April 2008, 07:12 Uhr

Schwerin - Die Ohren kann ein Mensch nicht zuklappen, sie sind stets hellwach. Vom Weckerklingeln am Morgen bis zur durchtanzten Diskonacht registrieren sie jedes Geräusch. Und das nicht immer unbeschadet: Wie viel Lärm im Alltag steckt und wie nachhaltig er das Gehör schädigen kann, erfuhren Grundschüler der Schweriner John-Brinckman-Schule in einem besonderen Projekt. Weltweit macht heute der Tag gegen Lärm auf das Problem aufmerksam.

„Ich wusste nicht, dass Lärm krank machen kann. Bisher habe ich meinen MP3-Player immer so weit wie möglich aufgedreht. Das werde ich jetzt wohl nicht mehr tun“, sagt der zehnjährige Ben Lehrmann. Genau das ist die Reaktion, die sich der Hörgeschädigtenpädagoge Lothar Henschel und Hans-Wilhelm Müller vom Kompetenzzentrum für Menschen mit Hör- und Sehbehinderung in Schwerin wünschen. Deshalb besuchen beide regelmäßig Schulen und Kindereinrichtungen und weisen auf die Gefahren von Lärm im Alltag hin.

Lärmampel schaltet bei 75 Dezibel auf Rot
Bei Hans-Jörgen Lehmann stießen sie mit diesem Anliegen auf offene Ohren. Der Leiter der Schweriner Grundschule „John Brinckman“ organisierte zusammen mit Kollegen und den beiden Fachleuten gleich ein ganzes Projekt. Einen Tag lang stand dank der Unterstützung der Unfallkasse MV in jeder der acht Klassen eine „Lärmampel“. Die schaltet auf Rot, wenn es zu laut wird – also ab 75 Dezibel. Der Wert ist schnell erreicht: Ein lautes Knallen mit der Tür – und schön hört die Ampel Rot. Auch Kinderspielzeug wie Rassel, Schellenbaum oder Tröte bekommt hier die rote Karte.

Neben diesem „Sichtbarmachen“ von Lärm geht es den Aufklärern vor allem um seine Folgen. „Schwerhörigkeit ist nicht heilbar. Selbst mit einem Hörgerät höre ich nie wieder so gut wie mit gesunden Ohren“, warnt Lothar Henschel. Per Kassette lässt er die Jungen und Mädchen das „Hören“ eines von der Hochtonschwerhörigkeit betroffenen Menschen nachempfinden. Die Kinder sind erstaunt.

Denn was vom Band kommt, ist nicht einfach zu leise, sondern ein einziger Wortbrei: Man hört zwar etwas, versteht aber nichts. „Überlegt mal, wie es ist, wenn ihr immer nachfragen müsst. Da heißt es schnell: Kannst du nicht aufpassen? Oder noch schlimmer: Bist du denn blöd?“, verdeutlicht Henschel eine Schwierigkeit, vor der hörgeschädigte Menschen stehen.

Der Gehörgang hat keine Klappe, um dicht zu machen Und er nennt die Gefahren, durch die ein Gehörschaden entstehen kann: Knallgeräusche wie von einem Silvesterböller oder einer Spielzeugpistole. Laute Musik, die aus den Kopfhörern von Walkman und MP3-Player direkt auf die Ohren dröhnt. Dauerlärm in der Disko, am Radio, vor dem Fernseher. „Inzwischen geht man davon aus, dass jeder vierte Jugendliche eine nachweisbare Hörminderung hat. Das muss noch keine Schwerhörigkeit sein. Die Störung kann sich aber mit zunehmendem Alter verschlimmern“, sagt Henschel.

Den Grundschülern erklärt er es so: „In eurem Innenohr befinden sich tausende Sinneshärchen, die sich durch den Schall wie Ähren in einem Kornfeld bewegen. Sind die Töne zu laut, kann es passieren, dass sich einige diese Härchen nicht mehr aufrichten – sie sind auf Dauer geschädigt. Das ist wie bei einem Besen: Wenn die Borsten abgenutzt sind, eignet er sich nicht mehr zum Fegen.“

Lärm macht krank – diese Aussage hatten nach dem Projekt alle 186 Schüler der John-Brinckman-Schule verstanden. „Der Gehörgang hat keine Klappe – so wie das Auge mit dem Lid. Unsere Ohren müssen also eine Menge leisten. Passt gut auf sie auf und gönnt ihnen Pausen“, gibt Hans-Wilhelm Müller den Kindern auf den Weg. Auf keinen Fall möchte er dabei als Spaßbremse rüberkommen: „Prävention mit erhobenem Zeigefinger bringt nichts. Natürlich sollen die jungen Leute ihre Musik hören. Es müssen ja nur nicht gleich die Wände wackeln“, sagt er.

In Aufklärung auch die Eltern einbeziehen

Schulleiter Lehmann kann sich gut vorstellen, das Projekt gegen Lärm nach einer gewissen Zeit zu wiederholen. „Es wird nicht gleich bei allen auf einmal klick machen. Das ist ein Prozess des Verstehens“, sagt der Pädagoge. Er schlägt vor, Aufklärungsveranstaltungen auch für die Eltern anzubieten. Noch mehr öffentliches Bewusstsein für Folgen des Lärms – das wünschen sich Lothar Henschel und Hans-Wilhelm Müller.

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