Schuldigensuche am Höllentunnel

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25. Juli 2010, 07:20 Uhr

Duisburg | Verzweifelte Rettungsversuche auf der Duisburger Loveparade am Samstag: Besucher steigen eine Nottreppe hoch, klettern auf eine Leiter und einen Mast, um dem Gedränge vor dem Eingang zum Festivalgelände zu entkommen.Einige stürzen zurück in die Massen. Panik breitet sich in dem 150 Meter langen Zugangstunnel aus, in dem weitere Raver nachdrängen. In der Enge werden an diesem Nachmittag 19 Menschen zerquetscht, erstickt und totgetrampelt, 342 weitere verletzt.

Die Frage nach dem Warum steht jetzt im Vordergrund, sagt ein Tag später Duisburgs Oberbürgermeister Adolf Sauerland (CDU) auf einer Pressekonferenz - und ist auffallend einsilbig. Die Staatsanwaltschaft hat das Sicherheitskonzept und die weiteren Unterlagen zur Loveparade bereits beschlagnahmt, die Ermittlungen zur Ursache aufgenommen. Der Bürgermeister will sich zu den "individuellen Schwächen", die er noch am Samstag ausgemacht hatte, jetzt nicht mehr äußern, er müsse auch seine Mitarbeiter schützen, sagt er.

"Wir hätten vielleicht stärker warnen müssen"

Das Damoklesschwert des Strafverfahrens hängt über den Köpfen der Verantwortlichen. Polizei, Ordnungsamt und Veranstalter - sie alle weisen am Tag nach dem Desaster Vorwürfe zurück, wollen von Warnungen nichts gewusst haben. Bürgermeister Sauerland sagt, er persönlich sei gar nicht in die Planung eingebunden gewesen. Und der stellvertretende Polizeipräsident bestreitet, dass es eine Massenpanik gab.

Nur Panikforscher Michael Schreckenberg, der in die Planung einbezogen war, bekennt: "Wir haben gewarnt, aber wir hätten vielleicht stärker warnen müssen." Das Sicherheitskonzept, verrät er, sei keineswegs von 1,4 Millionen Menschen ausgegangen, sondern von maximal 500 000. Der Tunnel, an dessen Rampe die meisten Menschen starben, habe nur eine Kapazität von 20 000 Menschen pro Stunde. Bis zu 250 000 Raver sollten durch dieses Nadelöhr auf das Gelände geschleust werden. Er habe den Veranstaltern zuvor gesagt: "Wenn der Tunnel die Lösung ist, muss das bis ins Letzte durchgeplant werden." Das Tunnelmanagement sei dann Sache des Veranstalters gewesen.

"Ich seh schon Tote, wenn nachher alle gehen wollen"

Fakt ist: 4000 Polizisten und 1000 Ordner haben nicht gereicht, um die Katastrophe zu verhindern. Panikforscher Schreckenberg sieht "Schuldige auf beiden Seiten" und meint damit auch risikofreudige Kletterer unter den Ravern. Indirekt lässt er erkennen, dass die Planung zwar "bestens" gewesen sei, die Ausführung - das "Tunnelmanagement" des Veranstalters - aber das Problem gewesen sein könnte. "Wenn der Tunnel geschlossen wird, sollten die Notausgänge geöffnet werden", sagt Schreckenberg. Außerdem bräuchten die Menschen beim Warten in der Masse Ansprache. "Die Menschen brauchen eine Perspektive, dass und wann es weitergeht. Dann bleiben sie auch ruhig."

Im Internet hatten Ortskundige schon Wochen und Tage vorher vor einer möglichen Katastrophe bei der Loveparade gewarnt. Auf lokalen Seiten kritisierten sie ein zu kleines Partygelände, den potenziell gefährlichen Zugang. Nutzer "klotsche" schrieb am 7. Juni auf der Seite "DerWesten.de": "sehe ich das richtig, dass die versuchen 1 million menschen über die 1-spurige! TUNNELSTRAßE! Karl-Lehr-Straße mit zwischendurch 2 kleinen trampelpfaden hoch zum veranstaltungsgelände zu führen? also in meinen augen is das ne falle. (...) ich seh schon tote wenn nach der abschlußkundgebung alle auf einmal über diese mickrige straße das gelände verlassen wollen."

Im Nachhinein kritisiert auch die Gewerkschaft der Polizei (GdP) das Gelände und das Sicherheitskonzept. Der stellvertretende Berliner GdP-Vorsitzende, Michael Reinke, sagt, es sei außerdem problematisch, dass bei Massenveranstaltungen immer häufiger private Sicherheitfirmen statt der Polizei zum Einsatz kämen. Oft werde das Personal kurzfristig rekrutiert, in "kleinen Lehrgängen" geschult und mit vier oder fünf Euro Stundenlohn abgespeist. "Verständlich, dass das dann nicht die motiviertesten und kompetentesten Sicherheitsleute sind".

Inzwischen sind 16 der 19 Toten identifiziert worden. Alle seien im Alter zwischen 20 und 40 Jahren, sagt die Polizei. Unter den Opfern sind mindestens vier Ausländer, ein Niederländer, ein Italiener, ein Australier und ein Chinese. Loveparade-Geschäftsführer Rainer Schaller sagt: "Worte reichen nicht aus, um das Maß meiner Erschütterung zu erklären." Das Desaster bedeute das Aus der Loveparade.


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