Schülerrat verurteilt Kopfnoten

Am 1. August rechtzeitig vor Beginn des neuen Schuljahres tritt eine Verordnung in Kraft, die bislang öffentlich kaum wahrgenommen wurde, obwohl Bildungsminister Henry Tesch sie bereits am 11. März unterzeichnet hatte: die Wiedereinführung der so genannten Kopfnoten. Der Vorstand des Stadtschülerrates Schwerin verurteilt diesen Schritt.

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15. Mai 2008, 02:50 Uhr

Schwerin - „Das Arbeitsverhalten im Unterricht wird gegenwärtig zumeist durch die Erteilung von Mitarbeitsnoten bewertet und gewürdigt. Diese haben in vielen Fächern nicht geringen Einfluss auf die Bildung der Noten für Halb- und Ganzjahresbewertung“, erklärt Stadtschülerrats-Vorsitzender Christoph Hedtke die derzeitige Praxis. „Mit Einführung der Kopfnoten sind Überschneidungen zwischen dieser und jener Beurteilungsform nicht zu vermeiden, was zur völlig inakzeptablen zweifachen Bewertung des Arbeitsverhaltens führen wird.“

Der Schweriner Stadtschülerrat hält es einer pluralistisch fundierten Gesellschaft für unangemessen, menschliche Charakterzüge an einheitlichen Maßstäben zu vergleichen und sie diesen Schritt für Schritt im Zuge der „Entwicklung der Selbst- und Sozialkompetenz“ angleichen zu wollen, wie es – falls nicht Zweck – so doch zumindest Folge der Verordnung sein muss. Denn durch sie werde das Streben nach Vorbildlichkeit gefördert und belohnt.

Zudem seien die möglichen Qualitätsurteile in sich selbst fragwürdig. So müsse doch die Existenz der Note „gut“ bedeuten, dass die Schüler, die nicht in diese Schublade geordnet werden, ein schlechtes Verhalten an den Tag legen, wobei damit bereits „zufriedenstellend“ zum Bereich des Schlechten gehört, obgleich doch der Lehrer sich selbst damit als zufrieden ausgibt. Auch sei es als zweifelhaft anzusehen, dass überdurchschnittliches Sozial- oder Arbeitsverhalten als „vorbildlich“ gekennzeichnet wird, also erwartet werde, dass die „schlechteren“ Schüler diesem Vorbild nacheifern.

„Geradezu lächerlich mutet das schlechteste Attribut ,entwicklungsbedürftig’ an, ist es doch Eigenschaft eines jeden Menschen, des Schülers, des Lehrers und auch des Ministers, in seiner menschlichen Entwicklung niemals stillzustehen“, sagt Vorstandsmitglied Martin Polzin. „Diese Entwicklung findet aber nicht nur in der Schule statt. Wie unterschiedlich verhalten sich Menschen allein schon in Schule, Familie und Freundeskreis? Wie können also die Lehrer eines Schülers eine Aussage über diesen treffen, die nicht nur seinen Umgang im Unterricht betrachtet? Im Übrigen dürften sich allein die Meinungen innerhalb der Lehrerschaft über eine Person sehr unterscheiden.“

Für den Stadtschülerrat ist zudem klar, dass die subjektiv erstellten Kopfnoten bei jeder Bewerbung eine nicht zu unterschätzende Rolle spielen werden und somit die Berufschancen der Schüler festlegen. Gerade für die Regionalschüler habe es weit reichende Konsequenzen, dass der „Entwicklungsstand“ auf deren Abschlusszeugnis festgehalten wird. Wie könne ein Schüler, der sich in jeden anderen Umfeld aufopferungsvoll, verantwortungsbewusst und in jeder Hinsicht tadellos verhält, in seiner Schulklasse aber einfach keinen Anschluss findet oder sucht und somit ein „entwicklungsbedürftig“ im Sozialverhalten bescheinigt bekommt, auf eine erfolgreiche Bewerbung für seine Wunschlehrstelle hoffen? Oder ein Schüler, für den die fachlichen Anforderungen ein Kinderspiel sind, so dass er sich nicht befleißigen muss, aber dennoch mit „entwicklungsbedürftig“ im Arbeitsverhalten abgestempelt wird? Oder eine Schülerin, die kurz vor dem Schulabschluss den Wohnort wechselt und in ihrem neuen Umfeld noch keine Kontakte knüpfen konnte? „Die Liste möglicher Varianten inakzeptabler Konsequenzen könnte auf ein Vielfaches ausgedehnt werden“, sagt Hedtke.

Die Verordnung zur Bewertung des Arbeits- und Sozialverhaltens ändere nicht nur schulische Formalien, sie verbaue Jugendlichen die Zukunft, ohne dass sie „auch nur den geringsten Nutzen“ entgegensetzen könnte. „Daher verurteilen wir die Wiedereinführung der Kopfnoten und insbesondere deren geplante Dokumentation“, so der Stadtschülerrat. „Wir fordern, dass die Bewertungen nicht für ewig feststehend auf den Zeugnissen selbst erscheinen, sondern diesen höchstens als Anlage beigelegt werden.“

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