Schüler gehen auf die Barrikaden: Unterrichtsausfall blockiert Ausbildung

Die Klasse BÜK 71 der Beruflichen Schule des Landkreises beklagt in einem Schreiben an Bildungsminister Henry Tesch den häufigen Unterrichtsausfall. Foto: Udo Mitzlaff
Die Klasse BÜK 71 der Beruflichen Schule des Landkreises beklagt in einem Schreiben an Bildungsminister Henry Tesch den häufigen Unterrichtsausfall. Foto: Udo Mitzlaff

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12. Juli 2008, 08:03 Uhr

Parchim - „Jeder von uns hat sich bewusst für eine Ausbildung in Mecklenburg-Vorpommern entschieden“, schreiben 25 Schüler. Damit liegen sie quer zum Trend, denn viele Jugendliche wandern in die alten Bundesländer ab: „Dort werden mehr Ausbildungsplätze angeboten und die Perspektive, diesen Beruf auszuüben, wie man es sich vorstellt, sind besser.“

Offenbar trifft das bereits für den schulischen Teil der Ausbildung zu. Denn in ihrem Brief an das Bildungsministerium kritisieren die Auszubildenden zum Beruf Bürokauffrau/-mann den eklatanten Unterrichtsausfall: „Seit gut einem Jahr lernen wir umfassend mit viel Interesse und Willen Grundkenntnisse, die wir im praktischen Teil unserer Ausbildung umsetzen können. Leider wird uns hierzu jedoch oftmals die Möglichkeit genommen. Aufgrund von ständigem Lehrermangel und Lehrerwechsel fallen von Woche zu Woche neue Stunden unersetzbar aus.“

Das passiere in den wichtigen Prüfungsfächern Text- und Datenverarbeitung. Ungeschulte Lehrer werden demnach in Prüfungsfächern Allgemeine und Spezielle Wirtschaftslehre eingesetzt (AWL und SWL). Die Schüler: „Allein im ersten Jahr mussten wir vier Lehrerwechsel im Fach SWL hinnehmen, ein weiterer steht schon an. Es fehlen uns bereits nach einem Lehrjahr mehr als die Hälfte an Text- und Datenverarbeitungsstunden und gut ein Viertel an aWL- und SWL-Stunden, welche besonders hinsichtlich der IHK-Prüfung von Bedeutung sind.“

Praktisch bedeute diese Unruhe, dass sich die Schüler ständig an neue Unterrichtsmethoden und Stoffvermittlung gewöhnen müssten. Die Situation scheint so drastisch zu sein, dass die Klasse BÜK 71 (BÜK bedeutet Bürokauffrau/-mann) sogar die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen vom 10. Dezember 1948 zitiert. Danach habe jeder Mensch das Recht auf Bildung. Die Parchimer Schüler sehen ihren Anspruch auf freien Zugang zu Bildung, Chancengleichheit und Schulrecht durch die Folgen der Bildungspolitik im Lande eingeschränkt.
Dort liege auch die Verantwortung, denn: „Voraussichtlich werden uns im kommenden Schuljahr weitere Lehrer aufgrund der Altersrente verlassen, womit das Problem der fehlenden Lehrkörper und damit verbundenen Unterrichtskürzungen weiter anhalten wird. Wir selbst wissen, dass das Angebot an geschultem Lehrpersonal vorhanden ist, wenn man nur bereit wäre, diese auch zu finanzieren.“

Das Argument der Finanznot greife nicht, immerhin habe Minister Henry Tesch vor Regierungsantritt versprochen, Bildungspolitik stehe an erster Stelle. Gerade die Jugend sollte doch wichtig sein, da sie die Zukunft des grünen Bundeslandes zu großen Teilen mitbestimme. Aber: „derzeit verlieren wir aber mehr und mehr das Vertrauen in Ihre Politik.“

Die jungen Leute, die jetzt auf eine Antwort warten, wollen im Land bleiben: „Wir sind mit unseren Wurzeln fest mit unserem Heimatland verbunden.“ Das Fatale an den Ausbildungseinschränkungen sei, dass sie die Jugendlichen förmlich dazu zwingen, „unserer Heimat den Rücken zu kehren und dorthin zu gehen, wo man uns mit Kusshand empfangen würde.“

Das Bildungsministerium in Schwerin versprach gestern, dass die Parchimer Schüler auf jeden Fall eine Antwort bekommen werden. Wir bleiben am Thema dran.

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