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Parchim : Schrittweise in die Schuldenfalle

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Der Vermieter droht damit, die Wohnung zu kündigen. Katrin A. kommt verzweifelt mit einem Berg von Zahlungsrückständen in die Schuldnerberatung. Sie hat monatelang kein Geld mehr überwiesen.

Der Vermieter droht damit, die Wohnung zu kündigen. Katrin A. kommt verzweifelt und mit einem Berg von Zahlungsrückständen in die Schuldnerberatung. Sie hat schon monatelang kein Geld mehr überwiesen. Die Frau Mitte 30 drücken hohe Mietschulden. Aber nicht nur die, im Gespräch stellt sich schnell heraus, dass auch Rechnungen von Versandhäusern und Energieversorgern offen sind. Mietschulden seinen oft der Indikator; die Betroffenen kämen damit in die Beratungsstelle, hätten aber noch eine Reihe weiterer Zahlungsverpflichtungen. Diese Erfahrung machen die Sternbergerin Anette Zimmermann und Margitta Sand aus Parchim, beide vom Diakoniewerk Kloster Dobbertin, sowie der Lübzer Heiko Hahnel vom Arbeitslosenverband immer wieder. Die Drei sind derzeit als Schuldnerberater im Landkreis Parchim tätig. Zimmermann und Hahnel betreuen neben ihrem Stammsitz noch Außenstellen in Crivitz bzw. in Goldberg, Mestlin, Plau am See und Banzkow. Regelmäßig treffen sie sich zum Gedankenaustausch.

Die Beratung erfolgt kostenlos und unterliegt der Schweigepflicht. Manche Bürger holen sich vorbeugend Informationen oder kommen mit Fragen. Bei den meisten Ratsuchenden aber hat sich der Gerichtsvollzieher schon angekündigt. Privatinsolvenzen, deren Zahl stetig steigt (wir berichteten), seien die allerletzte Möglichkeit, sagt Anette Zimmermann. Zuvor werde eine Schuldenregulierung geprüft. Dazu rechnen die Berater den Haushalt des Betroffenen exakt durch, stellen Einkommen und Ausgaben gegenüber, erkunden Einsparpotenziale, wie überflüssige Versicherungen, bei Stromverbrauch oder Handys. "Da geht es wirklich ans Eingemachte", erklärt die Sternbergerin unumwunden. "Natürlich bedeutet das, mit der Zeit ein Vertrauensverhältnis aufzubauen."

Aus dem Rechenexempel entsteht ein Plan, wie die Schulden in kleinen Raten abgetragen werden können. Die Berater setzen sich mit den Gläubigern in Verbindung und handeln Vergleiche aus, zum Beispiel einen Verzicht auf Zinsen oder Inkassokosten. Je mehr Informationen sie weitergeben können, um so überzeugender kommen diese an. Kleine Raten über längere Zeit bringen dem Gläubiger noch Geld, bei einem gerichtlich erwirkten Pfändungsbeschluss geht er meist leer aus. Mehr als 90 Prozent ihrer Klienten verfügten über kein pfändbares Einkommen oder das sei so niedrig, dass nichts übrig bleibt, weiß Heiko Hahnel. Beim

Alleinstehenden darf bundeseinheitlich bis zu 989 Euro Nettoeinkommen kein Lohn gepfändet werden. Bestehen Unterhaltsforderungen oder leben Kinder im Haushalt, erhöht sich der Freibetrag. Lohnpfändung erfolgt über den Arbeit geber des Zahlungssäumigen an den Gläubiger, wenn der Freibetrag überschritten wird, Pfändung vom Konto dagegen nicht. Das bleibt vier Wochen für beide Seiten gesperrt. Will der Schuldner an sein Geld, aber verhindern, dass der Restbetrag seines geringen Einkommens abgeräumt wird, muss er sich selbst um Pfändungsschutz kümmern. Das Formular dazu erhält er in der Beratungsstelle. Der Gläubiger könne bestimmen, wo gepfändet werden soll. Heiko Hahnel spricht von "Pascha-Stellung" des Gläubigers.

Die Wartezeiten für die Schuldnerberatung sind im Landkreis Parchim mit vier bis sechs Wochen noch überschaubar, findet Margitta Sand. In Krisenfällen wie Wohnraumkündigung oder Stromabschaltung gäbe es innerhalb einer Woche einen Termin. Woanders müssten sich Schuldner bis zu einem Jahr und länger gedulden. Grenzen nach oben oder unten, was die Summe betrifft, bestünden nicht. Es gehe darum zu helfen, betont Anette Zimmermann. Mancher käme mit 100 Euro Schulden nicht in den Schlaf, ein anderer nähme eine halbe Million gelassen, zum Beispiel nach einer Firmenpleite. Wobei hier meist eine Schwelle überschritten sei und Resignation herrsche.

Die Schuldensumme bewegt sich über Jahre auf hohem Niveau, die Zahl der Gläubiger pro Fall sei im Durchschnitt jedoch größer geworden. Manche Schuldner würden völlig den Überblick verlieren, hätten einen Karton voller Forderungen, zum Teil nicht mehr vom Versandhaus, bei dem sie eingekauft haben, sondern von einer Inkassofirma. Einige Briefe seien sogar ungeöffnet.

Die höchsten Schulden, 2010 allein 3,5 Millionen Euro, sind bei Banken fällig, dahinter rangieren Miete, Energie und Mobilfunk, so Hahnel. Die Schuldnerberatung wird überwiegend von Land und Kreis finanziert. "Wir hangeln uns allerdings von Jahr zu Jahr", sagt Heiko Hahnel. Die Richtlinie, nach der auf 25 000 Einwohner ein Berater kommt, sei einfach nicht mehr zeitgemäß. Bei weiterem Bevölkerungsrückgang müssten die Beratungsstunden reduziert werden, dabei werde der Bedarf ständig größer.

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erstellt am 22.Jun.2011 | 10:37 Uhr

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