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Reynolds aus Glasgow besuchte ehemaliges Kriegsgefangenenlager : Schotte forscht nach seiner Familie

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Gewöhnlich besuchen Touristen Güstrow, um sich die historisch gewachsene Altstadt anzusehen. Anders in diesem Fall. Im März lag eine Anfrage von Reynolds aus Glasgow im Stadtarchiv.

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erstellt am 18.Jul.2011 | 11:55 Uhr

Gewöhnlich besuchen Touristen Güstrow, um sich die historisch gewachsene Altstadt und die schöne Landschaft anzusehen sowie Kunst und Kultur zu erleben. Anders in diesem Fall. Im März lag eine schriftliche Anfrage von Colin Reynolds aus Glasgow (Schottland) im Stadtarchiv mit der Bitte ihn bei seiner Familienforschung mit einem Besuch des Standortes des ehemaligen Kriegsgefangenenlagers Bockhorst aus dem Ersten Weltkrieg zu unterstützen. Der Wunsch wurde an mich weiter geleitet. Natürlich stimmte ich spontan einer Führung zu, organisierte einen Dolmetscher, Jürgen Schlorf aus Güstrow, und wartete gespannt auf den Besuchstag. Colin Reynolds hatte eine Ostsee-Kreuzfahrt mit einer amerikanischen, spanischen, mexikanischen und britischen Reisegruppe gebucht, mit Halt in Warnemünde und einem Abstecher nach Güstrow. Während die Gruppe eine Stadtbesichtigung unternahm, realisierte Colin Reynolds eine Informationstour zusammen mit dem Autor und dem Dolmetscher zur Bockhorst.

Großvater James Reynolds vier Jahre Gefangener in Güstrow

Im Gepäck hatte er 50 Fotos und Ansichtskarten vom ehemaligen Kriegsgefangenenlager mit dem angrenzenden Gefangenenfriedhof. Der Hintergrund war, dass sein Großvater James Reynolds fast vier Jahre als britischer Gefangener im Güstrower Lager verbracht hat. Er hatte die vielen Fotodokumente aus dem Lager in seine Heimatstadt Southampton, an die eigene Familie, an seine Kinder, seine Frau, seine Eltern und andere Verwandte geschickt. Zeugnisse vom Leiden und Darben der Gefangenen, von Sehnsüchten, vom Bangen, aber auch Hoffen auf ein Ende des schrecklichen Krieges und auf Rückkehr in die Heimat zu den Lieben.

Dieser Wunsch erfüllte sich aber erst nach Ende des Krieges 1918. Colin Reynolds berichtete, dass sein Großvater nach eigenen Aussagen nur überlebt hatte, weil die Familie aus England ihn mit Lebensmittelpaketen, Geld, Kleidung und Schuhwerk zusätzlich unter Selbstverzicht versorgte. Je länger der Krieg dauerte, umso schwieriger wurde die gesamte Versorgungssituation im Lager. Laut internationaler Abkommen sollten Gefangene sowie die eigene Zivilbevölkerung versorgt werden, doch war Deutschland selbst in allergrößten Nöten und die Bevölkerung hungerte und fror. Am meisten litten die zahlreichen russischen Gefangenen, bekamen sie doch auf Grund der dort herrschenden revolutionären chaotischen Zustände aus der Heimat keinerlei Unterstützung. Geldmittelzuwendungen wurden übrigens grundsätzlich aus Sicherheitsgründen in Lagergeld umgetauscht.

James Reynolds gehörte im Lager nicht zu den von der Lagerverwaltung an die Forst- oder Landwirtschaft oder an die Industrie vermieteten Arbeitskräfte. Er arbeitete in einer Lagerküche. Erleichtert und etwas erträglicher wurde das Lagerleben durch eigenes Kulturleben( Theater, Sinfonieorchester, Chöre, Künstlergruppen und natürlich viel Sport), denn die Mehrzahl der Gefangenen war im besten Mannesalter. Die britische Fußballmannschaft nannte sich "British FC Güstrow".

Der eigene Friedhof war schnell notwendig geworden, denn schon kurz nach der Einrichtung des Lagers durch das stellvertretende Generalkommando des IX. Armeekorps starben die ersten Gefangenen an ihren schweren Verwundungen oder Krankheiten. Gesetzlich war es nicht erlaubt, fremdländische Gefangene auf deutschen Friedhöfen zu bestatten.

Colin Reynolds Besuch in Güstrow war eine Begegnung der ganz besonderen Art. In keinem Moment gab es irgendwelche Ressentiments ehemaliger verfeindeter Menschen. Man redete zwanglos über Vergangenes und begegnete sich auf Augenhöhe und in Freundschaft. Ein Baustein für das Haus friedliches Europa.

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