Schloss im Visier der Jagdbomber

Es zischt und knallt über der Stadt. Immer mittwochmittags. Kampfjets der Bundeswehr haben in den vergangenen Wochen mehrfach Schwerin im Tiefflug überquert. Damit fällt der Stadt ein weiteres Mal auf die Füße, dass sie weniger als 100 000 Menschen beherbergt. Tiefflüge unter 300 Metern sind nur in Großstädten verboten.

svz.de von
29. Mai 2008, 08:32 Uhr

Schwerin - Wenn Stadtarchivar Rainer Blumenthal mittwochs zur Arbeit geht, packt er seit einigen Wochen seine Kamera in die Arbeitstasche. Die schießt zehn Bilder pro Sekunde. Dagegen hat der schnellste Jagdbomber keine Chance, Blumenthal holt ihn sich mit Teleobjektiv ganz nah ran. So auch am 21. Mai.

Um 11.23 Uhr zischt es am Himmel: Ein Bundeswehr-Tornado schießt aus Südwest wie ein Strich über das Schloss, wendet dahinter, geht hoch, im Steilflug wieder runter auf 200 Meter Höhe und verschwindet über dem Ostorfer See. Rainer Blumenthal hält den Tornado im Bild fest, weil er selbst kaum glauben mag, was er sieht und hört. Das Stadtarchiv, in dem er arbeitet, sitzt am Eingang der Stellingstraße. Seine Ohren sind abgehärtet durch die Bauarbeiten. Der Tornado aber übertönte das Presslufthammer-Kreissägenkonzert problemlos.

„Es gab einen großen Knall, da wurde die Schallmauer durchbrochen“, ist sich Rainer Blumenthal sicher. Er reklamiert für sich, ein Kenner des Flugverkehrs zu sein. Zu DDR-Zeiten saß der Stadtarchivar bei der NVA am Radarschirm: Da habe er gelernt, einzuschätzen, welche Flughöhe im Bereich des Normalen liegt. Das Manöver der Bundeswehr löst in ihm nur Unverständnis aus: „Das hätten sich früher nicht einmal die hier stationierten Russen getraut. Die sind so geflogen, als ob das Schloss ein Fixpunkt ist.“ Und: „Wir dachten, das Schloss bricht zusammen.“

Luftwaffenamt: Schallmauer nicht durchbrochen
Vom Durchbrechen einer Schallmauer oder gar einer drohenden Gefahr für das Schweriner Wahrzeichen will das Luftwaffenamt in Köln nichts wissen. „Mit dieser Geschwindigkeit fliegen wir in Deutschland gar nicht“, sagt ein Sprecher. Nur über der See bei Sardinien und in den USA seien solche Einsätze vorgesehen. Diese Aussage hält Blumenthal für einen schlechten Scherz. „Es hat doch nicht zum ersten Mal geknallt, das hatten wir vergangenes Jahr auch schon.“

Weniger als 300 Meter Höhe sind erlaubt

Deutsche Großstädte dürfen Tornado und Co. nur in mindestens 600 Metern Höhe überfliegen. Schwerin gehört nicht dazu, Tieffliegen in weniger als 300 Metern über den 13 Seen ist erlaubt. Aber nur, sofern es das „streng limitierte Tiefflugkontingent“ des Verteidigungsministeriums hergibt. Wie viele Flüge erlaubt sind, vermag das Luftwaffenamt nicht zu sagen.
Attraktiv scheint der Luftraum für die Übungen der Jagdbomber schon deshalb zu sein, weil Schwerin in Sachen Infrastruktur und Bebauung aus der Vogelperspektive wie eine Großstadt aussieht, statistisch gesehen aber keine ist.

Nachzulesen ist die Liste der privilegierten Städte übrigens im Militärischen Luftfahrthandbuch (www.mil-aip.de). Auch eine Stadt wie Jena ist darunter, die 1997 die magische 100 000er-Grenze unterschritt. Vier Jahre später fand sie zurück in den Kreis der Großstädte. Den Militär-Fluglärm hatten die Ostthüringer damit getilgt.

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