Wismar: Zentralrat der Juden vergibt heute den Paul-Spiegel-Preis : "Schließlich gibt es keine Alternative"

<strong>Horst und Birgit Lohmeyer</strong> lassen sich nicht vertreiben. <foto>FN</foto>
Horst und Birgit Lohmeyer lassen sich nicht vertreiben. FN

Birgit und Horst Lohmeyer aus Jamel sind gefragt. Nachdem Bundespräsident Wulff zum Neujahrsempfang geladen hatte, werden sie heute vom Zentralrat der Juden in Schwerin geehrt.

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12. Mai 2011, 11:13 Uhr

Birgit und Horst Lohmeyer aus Jamel sind gefragt. Nachdem Bundespräsident Christian Wulff zum Neujahrsempfang geladen hatte, Bundes- und Landespolitiker ihren Forsthof besuchten, werden sie heute vom Zentralrat der Juden in Schwerin geehrt.

Die Lohmeyers erhalten den mit 5000 Euro dotierten Paul-Spiegel-Preis für Zivilcourage, den Einsatz gegen Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus. Und das, weil sie nicht schweigen im überwiegend rechten Jamel in der Gemeinde Gägelow.

"Kleine Sticheleien" nennt Horst Lohmeyer die Drangsalierungen durch die Neonazis in dem kleinen Sackgassen-Dorf zwischen Grevesmühlen und Wismar. Dass die braunen Nachbarn seinen idyllischen Forsthof betreten, ihn und seine Frau Birgit regelrecht bedrohen, erzählt der Musiker mit den grauen langen Haaren und dem Kinnbärtchen ganz beiläufig zwischen einem Schluck Kaffee und einem nachdenklichen Blick aufs große Gehöft. "Wir sollten verkaufen, solange wir es noch könnten", zitiert er die ungebetenen Gäste.

Doch die gebürtigen Hamburger lassen sich nicht vertreiben aus ihrer grünen Oase. Ganz im Gegenteil. Seit sieben Jahren sind sie dort aktiv für Demokratie und Toleranz. Das wollte der Zentralrat der Juden in Deutschland offensichtlich nicht unbeachtet lassen. Als dessen Präsident Dieter Graumann vor wenigen Monaten im Forsthof anrief, war Birgit Lohmeyer überrascht. Ob sie den Preis denn annehmen wollten, hätte er gefragt. "Keine Frage, das ist natürlich ein großes Lob für unsere Arbeit", sagt sie und lächelt. Die Schriftstellerin spricht unter anderem vom alljährlichen Festival "Jamel rockt den Förster" - ein Event als Apell für Demokratie.

Beide kennen die Welt der Extreme: Vom linken Hamburger Schanzenviertel ins rechte Jamel - dieser Schritt war wohl überlegt, nachdem sich die Lohmeyers Ende 2003 in den Forsthof verliebten. Sie wussten, dass sie in dem abgelegenen Ort im Landkreis Nordwestmecklenburg zumindest einen Neonazi als Nachbar haben würden. Nichts ahnend, dass der besagte Abrissunternehmer und mittlerweile in Untersuchungshaft sitzende Sven Krüger schnell zum NPD-Politiker aufsteigen, sieben der zehn Häuser in Jamel kaufen und andere Rechtsextreme in den Ort holen würde.

"Mit dem Dorf haben auch wir uns verändert", resümiert Horst Lohmeyer. Sie wollen nicht schweigen, sondern etwas tun. Man müsse die dumpfe Ideologie der NPD wahrnehmen und gegen die Angst verbreitenden Parolen und Aktionen vorgehen.

So schaffen die Lohmeyers Anlässe, um Menschen nach Jamel zu holen, auch, um mit ihnen ins Gespräch zu kommen: das fünfte Rockfestival vom 5. bis 7. August, Aktionen zu "Kunst Offen" am Pfingstsonntag oder die Teilnahme an den Offenen Gärten. Das Ehepaar hofft, dass es andere mit ihrem Einsatz ansteckt. Denn Jamel sei nicht das einzige Dorf mit brauner Kulisse. Es gebe zwar kein Pauschalrezept, doch Widerstand sei immer möglich, apelliert Horst Lohmeyer. "Schließlich gibt es keine Alternative zur Demokratie."

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