Schaulauf der Schönen: Cowboys, Spinat und nackte Tatsachen

Eine Augenweide: Auch bei der Wahl zu „Miss und Mister Land MV“ gehört  Bademoden-Runde  zum Pflichtprogramm. Foto: Klawitter
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Eine Augenweide: Auch bei der Wahl zu „Miss und Mister Land MV“ gehört Bademoden-Runde zum Pflichtprogramm. Foto: Klawitter

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09. Mai 2008, 08:02 Uhr

Stralsund - Miss Deutschland, Miss Europe, Miss Intercontinental, Miss World – das klingt nach großer weiter Welt, Glitzer und Glamour. Fürs Erste beschränkt sich die Welt der Schönsten jedoch auf die verwinkelten Flure eines Stralsunder Spaßbades.
Eine knappe Stunde bis Showbeginn. Einen Blick hinter die Kulissen zu werfen, kostet Überzeugungsarbeit. Die Angst des Veranstalters Aventpro, die Berichterstattung auf „Fleischbeschauung“ zu reduzieren, ist groß. Der Weg endet inmitten der Squash-Kabinen. Zimperlich dürfen die potenziellen Missen und Mister in dem von Glastüren dominierten Bereich nicht sein. Während auf den umliegenden Plätzen Bälle hin- und herfliegen, schützen lediglich ein paar graue Werbeaufsteller vor ungebetenen Blicken beim Umziehen. Die Zeit drängt. Visagisten verpassen den Mädchen den letzten optischen Feinschliff: Lidstriche werden nachgezogen, mehrere Schichten Make-Up aufgelegt, Locken eingedreht, Haarspray-Wolken versprüht.

Fünf Männer kneifen
Die Jungs haben es einfacher: dunkle Jeans, weißes T-Shirt, Gel in die Haare. Fertig. Oder doch nicht? Michael Freiberg aus Rastow ist mit seinem Shirt nicht zufrieden. „Es ist doch viel zu groß“, moniert der 18-Jährige bei einem der Betreuer. Die lapidare Antwort: „Kleinere gibt es nicht.“
Im Spaßbad füllen sich die Stühle. Gut 200 Gäste warten auf den Showbeginn, der Großteil Freunde, Familie der Kandidaten und Sponsoren der Wahl.

Je näher ihr Auftritt rückt, umso entspannter wird Carolin. Selbstbewusst blickt die Rostockerin der Show entgegen. Sich selbst sieht die 24-jährige Krankenschwester nicht zuletzt aufgrund ihrer Fotomodel-Erfahrung „im vorderen Mittelfeld“. 100 Punkte, gestaffelt von 10 bis 40, vergibt die Jury pro Durchgang. Die ersten, ohne die Kandidaten richtig gesehen zu haben. Licht aus, Spot an: Mit weißen Masken vor dem Gesicht schreiten sie wie an einer Perlenschnur aufgezogen in Jeans und Shirt über den Laufsteg.

Nanu, nur sieben Jungs? Sollten es nicht zwölf sein? Das Publikum wundert sich. Auf spätere Nachfrage heißt es, fünf hätten kurzfristig abgesagt. Ein wunder Punkt im Konzept. Schon beim Casting nahmen „die große Chance für hunderte Frauen und Männer“ am Ende kaum mehr als 50 Bewerber wahr. Bei den Frauen überlegte es sich eine anders.

Für die Mädels und Jungs geht es vom Maskenball direkt in den wilden Westen. Mit Cowboy-Hut, Colt und Lasso. Nur nicht in diesem Dreierpack. Für jeden bleibt nur ein Accessoire – und der Tipp des Choreografen, vor der Jury eine Cowboy-Show abzuziehen.

Nackten Tatsachen muss die Jury eine Runde später ins Auge blicken. Im Bademoden-Durchgang schaut nicht nur sie genau hin. Während jeder stillschweigend seine Eindrücke im Bewertungsbogen notiert, ist das Publikum mit seinen Sprüchen gnadenlos. Endlich. Pause.

Ins falsche Licht gerückt
Groß, langbeinig, schlank, lange Haare – viele der Kandidaten entsprechen dem gängigen Klischee einer schönen Frau. Worin liegt dann der Sinn, die Schönste unter den Schönen zu wählen? Und wer entscheidet, was schön ist? In Stralsund elf Frauen und Männer: Vom amtierenden Mister Deutschland – nicht zu verwechseln mit dem Mister Germany – über die deutsche Meisterin im Saunieren bis hin zu Wirtschaftsvertretern und Sponsoren. Küren sie am Ende aber nicht einfach nur die Schönsten aus den wenigen spontanen Bewerbern des öffentlichen Castings vor drei Tagen?
Musik unterbricht die Gedanken jäh. Der Moment, vor dem sich Michael besonders gefürchtet hat, ist gekommen: Jetzt muss der angehende Sozialassistent den Moderatoren Rede und Antwort stehen. „Ich habe gehört, du isst gern Spinat. Das soll ja Kräfte geben. Was macht Spinat bei dir?“, fragt Sandra Wagner. Was soll Mann dazu sagen? Oder auf die Frage an einen angehenden Bankkaufmann, ob er in diesem Beruf gut rechnen können muss.

Gleich ist es geschafft. Erhobenen Hauptes schreiten die Mädchen in atemberaubenden Abendkleidern vor die Jury. Ein letztes Mal rückt der Spot sie ins rechte Licht. Nun gut, zumindest jenen Teil zwischen Nase und Hüfte. Der Rest bleibt im Dunkeln. Doch was ist das? Der erste Herr der Schöpfung läuft in einem knallroten, viel zu großen Jacket mit Schmuckelementen auf. Die Jacke erinnert an die Uniform vom Spielmannzug. Irritierte Blicke im Publikum. Kopfschütteln. Hat er das freiwillig an? Glücklich sieht er jedenfalls nicht aus. Und warum läuft der letzte im gleichen Kostüm auf? Die Antwort hinterher: Gezwungenermaßen eine Showeinlage. Der Zuschauer verkennts und macht sich über die beiden lustig.
Kurz vor Mitternacht, der Moment der Wahrheit. Zwei Plätze sind noch zu vergeben. Michael hat die Wahl schon abgehakt. Dann wird er aufgerufen: als Mecklenburg-Vorpommerns schönster Vize-Mister. Er muss sich lediglich Tobias Marschke, 20 Jahre, Zeitsoldat aus Wittenhagen geschlagen geben. Carolines Gefühl hat die 24-Jährige hingegen getäuscht: Sie teilt sich mit fünf anderen Mädchen Platz sechs. Schönste im Land ist Franziska Hanke, 19, Schülerin aus Lassentin. Für sie geht die skurrile Show beim Deutschlandfinale im Juli von vorn los.

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