Schafe und Ökologie

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16. Juni 2008, 04:15 Uhr

„Pfennigsucher“ pflegen Wiesen - Bauern als Naturschützer Von Grit Büttner, dpa (Mit Bildern) =
Klein Salitz - Wenn Detlef Mohr aus dem mecklenburgischen Klein Salitz mit seinen Schafen über die Sommerweiden zieht, ist der Landwirt sichtlich eins mit sich und seiner Umwelt. „Man riecht die Artenvielfalt und sieht sie auch“, sagt er fast poetisch. „Hier ist einfach Leben auf den Wiesen.“ Eine Erfahrung die er mit vielen seiner Berufskollegen teilt. Egal ob sie ihre Herden über die Hänge am Harz führen, im Schatten alter Buchen in der Rhön rasten lassen, oder sie durch die Täler des Elbsandsteingebirges dirigieren.
Doch nicht nur auf diesen traditionellen Zweig der Landwirtschaft und auf diese unter besonderen Schutz gestellten Landschaften will Professor Michael Succow die Leistungen der Bauern für den Umweltschutz beschränkt wissen. „Jeder Landnutzer hat eine Verantwortung für den ländlichen Raum. Und ich bin überzeugt davon, dass sich viele Bauern dieser Pflicht auch bewusst sind und für sie Ökologie kein Fremdwort ist“, sagt der Nestor des ostdeutschen Naturschutzes, der 1997 mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt wurde.
Es sei ein Vorurteil, dass große Agrarbetriebe, die die Landwirtschaft vor allem im Nordosten prägten, keinen Sinn für den Naturschutz hätten, betont Succow. In Brandenburg und Mecklenburg- Vorpommern würden jüngsten Angaben zufolge fast zehn Prozent der Agrarfläche nach ökologischen Kriterien bewirtschaftet. In Thüringen, Sachsen und Sachsen-Anhalt liege der Anteil noch unter fünf Prozent. Ökologischer Landbau gebe mehr Menschen Arbeit und diene der Erhaltung der Artenvielfalt. „Wenn sich der Regenwurm auf humusreichem Boden kringelt und die Feldlerche am Himmel trällert, dann ist die Welt in Ordnung.“
Als „Stellvertretender Minister für Ressourcenschutz und Landnutzungsplanung“ sorgte Succow 1990 maßgeblich dafür, dass große Flächen in den neuen Ländern zu Nationalparks wurden und viele der riesigen Tiermastbetriebe mit ihren oft verheerenden Folgen für die Umwelt dicht machten. „Das war eine Degradierung der Landschaft“, sagt Succow rückblickend und verweist mit Sorge auf Bestrebungen vor allem holländischer Landwirte, in Ostdeutschland erneut Großanlagen zu installieren. „Augenmaß“, sowohl in der Tiermast als auch im Ackerbau, ist für Succow ebenso ein Schlüsselbegriff für vernünftiges Wirtschaften wie „Nachhaltigkeit“. Dass die EU mit ihrer neuen Förderpolitik dafür Anreize schaffe, stimme ihn zuversichtlich.
So zahlt Brüssel bereits für ökologische Weidewirtschaft Beihilfen, die den Minderertrag ausgleichen sollen. Davon profitiert auch Schäfer Mohr. 75 Hektar feuchter Wiesen im Biosphärenreservat am westmecklenburgischen Schaalsee halten seine „Pfennigsucher“ frei - für Amphibien, Adler, Schnepfen, Kraniche. Die Schafe - alte, robuste, teils gefährdete Rassen wie Heidschnucke oder Pommersches Landschaf - brächten zwar weniger Fleisch und minderwertigere Wolle als etwa hochgezüchtete Merinos. Doch Bio-Lamm sei am Markt derzeit gefragt. Ähnlich funktioniert es auch in der Thüringer Rhön, deren Bergwiesen oft Heimstätten wilder Orchideen sind. Auch dort grasen Rinder und Schafe, um die Kulturlandschaften vor „Verbuschung“ und „Bewaldung“ zu bewahren und so für Wiesenbrüter offen zu halten.
Der Naturschutzbund Deutschland (Nabu) fordert die Ausweitung des Vertragsnaturschutzes, bei dem der Landwirt gegen finanziellen Anreiz mehr zur Erhaltung der reichen heimischen Tier- und Pflanzenwelt tun könne. Zudem sollte es klare Regelungen gegen das Umbrechen von Grünland zugunsten des rentableren Ackerlandes geben, fordert Nabu- Agrarexperte Florian Schöne.
Seinen Worten zufolge ist Mecklenburg-Vorpommern Spitzenreiter beim Rückgang des besonders naturschutzrelevanten Grünlands. Grund sei vor allem der lukrative Maisanbau für Biogasanlagen. Succow beklagt, dass dafür inzwischen auch Überflutungsgebiete an Elbe und Oder sowie einst trockengelegte Niedermoorflächen in Vorpommern und Brandenburg genutzt würden. „Für die Klimabilanz ganz schlecht“, so sein Urteil. Umweltschützer hoffen, dass die EU mit einer einheitlichen Flächenprämie für Grün- und Ackerland den Trend stoppt.
Schäfer Mohr ist froh über seine Pflegeflächen, die er als „Privileg“ empfindet. Nur manchmal behindere der Naturschutz die Viehhaltung, räumt er ein. Etwa wenn in Trockenzeiten Futter knapp werde und eine saftige Orchideenwiese erst nach der Blüte wieder beweidet werden dürfe. Aber das gehöre dann eben auch dazu.

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