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24. September 2017 | 08:59 Uhr

Sattelfest auf zwei Rädern

vom

svz.de von
erstellt am 13.Jun.2010 | 06:35 Uhr

Göhren-Lebbin | Als Sigrid Burre vor kurzem in Köln umzog, überlegte die 62-Jährige ernsthaft, ihr Fahrrad endgültig zu entsorgen. "Beim Fahrradfahren fühlte ich mich extrem unsicher, in der Stadt zu fahren, ging schon gar nicht", sagt sie. Die Fahrradschule im mecklenburgischen Göhren-Lebbin (Müritzkreis), verbunden mit einem Urlaub an der Ostsee, sollte ein letzter Versuch sein. Die Anstrengung hat sich offenbar gelohnt. Nach ein paar Tagen Gruppenunterricht mit Fahrradlehrer Uwe Schenk sagt die Seniorin: "Ich bin von mir überrascht."

Der Übungsleiter kennt das Gefühl, mit dem viele seiner Teilnehmer, die aus dem ganzen Bundesgebiet anreisen, das erste Mal vor ihm stehen. Manchen sei das richtig peinlich, nicht Rad fahren zu können. "Es sind vor allem ältere Frauen, die das Fahrradfahren nie richtig gelernt haben. Jetzt, wo Zeit für dieses Hobby wäre, trauen sie sich nicht." Zu alt für diesen Sport sei niemand. "Alles eine Frage des Gleichgewichtes, wenn man das einmal drauf hat, kommt alles andere wie von selbst", erklärt Schenk.

Erste Trainingseinheiten auf Roller und Laufrad

Als ihnen der Lehrer einen Roller und ein Laufrad hingestellt habe, sei sie sich zwar albern vorgekommen, erzählt die Frankfurterin Conny Dreker. "Aber nach einem Tag üben ging das ganz gut. Zwei Tage später sind wir schon auf Rädern eine Runde um die Halle gefahren." Auch die 51-Jährige hatte bisher schlicht Angst auf dem Rad, "ich habe es mehr geschoben als gefahren", sagt Conny Dreker. "Vor allem das Auf- und Absteigen, das Halten und Richtung anzeigen ist schwer. Wenn meine Freunde immer schwärmen von Rad ausflügen, konnte ich das gar nicht verstehen."

Insgesamt zwölf Doppelstunden in einer Woche üben die Frauen mit Schenk. "Der Unterricht an mehreren Tagen hintereinander hat sich als bester Weg erwiesen, ansonsten wäre der Verlernfaktor zu groß", sagt der 49-Jährige. Unterstützung holte er sich beim Hamburger Christian Burmeister, der den Verband für Radfahrlehrer "moveo ergo sum" betreibt und selbst Radkurse vor allem für Senioren anbietet. "Bei älteren Teilnehmern stelle ich eine gewisse Gelassenheit fest", sagt Burmeister. Junge wollten sich nicht blamieren, ältere hingegen könnten die eigenen Fähigkeiten gut einschätzen, sie haben eher Angst vor Stürzen. Diese Furcht könne man ihnen durch Übungen aber schnell nehmen, sagt Burmeister.

Auch Schenk betont: "Das Wichtigste ist Selbstvertrauen. Dazu gehört vielleicht auch, die ersten Ausfahrten allein zu unternehmen, nicht gleich mit Partnern oder Freunden, die einen mit gut gemeinten Ratschlägen verunsichern." Auch bei der Schwerinerin Kathrin Kania ist durch eine vor zwei Jahren absolvierte Fahrradschule der Knoten geplatzt. "Ich fahre jetzt jeden Tag mit meiner Tochter zur Schule und dann weiter zur Arbeit, wenn auch meistens auf dem Bürgersteig", sagt die 42-Jährige stolz. "Das ist ein ganz neues Körpergefühl." Ihrer Tochter wegen habe sie es lernen wollen . "Ich war schon als Kind schweißgebadet, wenn alle zum Wandertag Fahrradfahren wollten. Das sollte sich nicht auf mein Kind übertragen", sagt die Schwerinerin. Zum Anfang habe sie noch gedacht, alle Wände und Hindernisse hätten Magneten, die sie anziehen. "Auch jetzt gibt es schon die eine oder andere Situation, wo ich den Angstgriff am Lenker habe. Meine Tochter meistert sowas dagegen ganz souverän." Stolz sei die Familie allemal, auch die Freunde hätten Respekt. Das erhofft sich auch die Kölnerin Sigrid Burre: "Als ich irgendwann mal erzählt habe, ich fahre nach Mecklenburg in eine Fahrradschule, haben auf einmal mehrere Leute gesagt, das würde ich auch machen."

Gelegenheit dazu hätten Fahrrad-Schüler nicht nur in Göhren-Lebbin, sondern unter anderem auch in Berlin und Hamburg. Auch in vielen weiteren Städten bietet der Fahrradclub ADFC Kurse an. In Mecklenburg ist die Fahrradschule ein Angebot vom Land Fleesensee, diese Kooperation zwischen Hotels und Fahrradschule ist bundesweit einmalig.

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