zur Navigation springen
Übersicht

20. August 2017 | 19:32 Uhr

Sag mir, wo die Gräben sind

vom

Schluss mit dem Grabenkrieg. Seit 20 Jahren wird zum 3. Oktober mit verdächtiger Lust gemessen, wie tief die Kluft zwischen Deutschland Ost und Deutschland West noch ist. Als ob die Menschen nicht besser wüssten, wo die wirtschaftlichen, die gesellschaftlichen oder kulturellen Grenzlinien wirklich verlaufen. Die neuen Gräben gibt es nicht zwischen West und Ost. Die wachsende Kluft zieht sich quer durch die Gesellschaft und hat weder etwas mit der untergegangenen DDR noch mit den "Wessis" zu tun. Vielmehr haben die Folgen der Globalisierung auf Wirtschaft und Arbeitsplätze und die tiefen Furchen der Finanzkrise zu einer sozialen Drift geführt. Die Schere zwischen arm und reich geht auseinander.

Über solche gesellschaftlichen Gräben, die von der Entsolidarisierung bis zur mangelnden Integrationen von Migranten reichen, muss debattiert werden. Oder man nehme die Bildung. Dass Schulabschlüsse bei gleicher Begabung immer noch von der sozialen Herkunft abhängig sind, führt zu Verwerfungen, die nichts mit Ost oder West zu tun haben, sondern mit ungerechten Bildungschancen. Auch dass zehn Prozent aller junger Menschen in Deutschland ohne eine abgeschlossene Lehre bleiben, schafft Kluft und Frust. Und wie tief sind seit der Wiedervereinigung die Gräben in der Arbeitswelt geworden! Mehr befristete Beschäftigungsverhältnisse, mehr Teilzeit, mehr Billig-Jobs spalten die Berufswelt.

Also kein Grund zur Freude am Tag der deutschen Einheit? Doch. Gerade wegen der großen Herausforderungen, die erst später gekommen sind und die Welt - siehe die Einschätzungen von Ex-Finanzministers Peer Steinbrück zur Finanzkrise - an den Rand des Abgrunds geführt hatten. Deutschland ist besser als alle anderen Industrienationen durch die Krise gekommen. Warum? Weil Deutschland durch die Einheit stärker geworden ist und die Arbeitnehmer aus Ost und West Verzicht geübt haben wie einst bei der Wiedervereinigung. Sie stehen als Steuerzahler für die Kosten, die gierige Spekulanten verursacht haben, ein. Sie waren zur Lohnzurückhaltung bereit, um die Wirtschaft wettbewerbsfähig zu halten.

Kein Graben hier, sondern Bereitschaft zur Solidarität, zum Ärmel aufkrempeln. Das zählt.

zur Startseite

von
erstellt am 30.Sep.2010 | 08:58 Uhr

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen