Russland-Motor stottert noch - Sassnitz-Mukran will Verkehr ausbauen

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11. März 2008, 10:09 Uhr

Nach außen präsentierten sich die sozialistischen Länder als geschlossenes Bollwerk gegen den Kapitalismus, doch die Bande zwischen den Bruderstaaten waren schon lange vor Glasnost und Perestroika brüchig geworden. Seit der Gründung der freien Gewerkschaft „Solidarnocs“ 1980 in Polen schmolz in der DDR das Vertrauen in die wirtschaftliche und politische Stabilität des östlichen Nachbarn. Um den direkten Zugang zur damaligen Sowjetunion zu sichern, begann 1983 an der Ostküste Rügens das größte Hafenbauprojekt der jüngeren DDR-Geschichte. Nördlich der NS-Ruinen von Prora wuchs innerhalb von drei Jahren eine gigantische Hafenanlage aus dem Boden, von der aus ab 1986 Polen über die Ostsee umschifft wurde.

Mit der Wende brach der Eisenbahnfährverkehr von Sassnitz-Mukran in die Sowjetunion jedoch nahezu zusammen. Mit der Rückführung der letzten GUS-Truppen 1994 verlor der Hafen dann endgültig auch seine militärische Bedeutung. Die Hafenanlage wurde Eigentum des Landes und der Stadt Sassnitz - rund 90 Millionen Euro flossen seitdem in die Modernisierung. Trotz aller Bemühungen konnte der Hafen aber bisher an seine einstige strategische Bedeutung aus den Gründungsjahren nicht anknüpfen und sein Ass als Drehscheibe nach Russland trotz wachsender Warenströme nicht ausspielen.
Seit Jahren stagnieren die Umschlagszahlen des Hafens bei rund fünf Millionen Tonnen pro Jahr. Im Vergleich zu 2006 gingen sie 2007 nach Angaben des Hafens sogar auf knapp 4,8 Millionen Tonnen zurück. Vor allem der Bahnstreik und der vierwöchige Austausch der Eisenbahnbrücke zur Insel Rügen hatten dem Fährhafen 2007 zugesetzt, wie ein Sprecher des Hafens sagte.

Doch in diesem Jahr könnte der Hafen vor einer großen Wende stehen. Anfang Mai beginnen die Bauarbeiten für das rund 30 Millionen Euro teure Rohrummantelungswerk des französischen Pipeline- Spezialisten Eupec, in dem bereits Ende 2008 die ersten Rohre der 1200 Kilometer langen Ostsee-Pipeline mit einem Spezialbeton umgossen werden sollen. Das Projekt schafft nach Angaben des Konsortiums Nord Stream nicht nur bis zu 230 Arbeitsplätze im Werk und im unmittelbaren Zulieferbereich, sondern wird - so die Hoffnungen von Hafenchef Harm Sievers - den Umschlag im Hafen deutlich beflügeln. „Das Projekt birgt ein enormes Potenzial für die Hafenentwicklung“, ist Sievers überzeugt.

Nicht nur 65 000 Rohre werden innerhalb der nächsten zwei Jahre vom Produktionsort Mülheim an der Ruhr nach Sassnitz gebracht, dort mit Beton ummantelt, auf die Verlegeschiffe verladen und zu den Zwischenlagern entlang der Pipelinestrecke gebracht. Hinzu kommt ein Frachtaufkommen von einer Million Tonnen Zement, Sand und Armierungsstahl für den Beton. Rund zehn Millionen Euro wird der Hafen deshalb in den Ausbau der Infrastruktur investieren. Sievers hofft, dass sich der Offshore-Spezialist Eupec langfristig und über das Pipeline-Projekt hinaus in Sassnitz engagieren und weitere Offshore-Aufträge von Sassnitz aus abarbeiten wird. Das Bundesverkehrministerium sieht für den östlichsten Tiefseehafen Deutschlands Steigerungsmöglichkeiten bis 2015 auf 12 Millionen Tonnen Umschlag pro Jahr.

Am Donnerstag inspiziert der Logistik-Vorstand der Deutschen Bahn AG, Norbert Bensel, den Hafen. In der strategischen Planung der Deutschen Bahn AG hat Sassnitz für den Fährverkehr Richtung Osten und Skandinavien eine wichtige Rolle, teilte die Bahn vorab mit. Nach fast einem Jahr Verzögerung hatte im Herbst 2007 die erste Nonstop- Eisenbahnfähre ihren Verkehr nach Russland aufgenommen. Das Fährschiff „Vilnius“, auf dem 90 Waggons der russischen Breitspur oder 108 Lkw-Trailer Platz finden, pendelt seitdem einmal pro Woche zwischen der russischen Stadt Baltijsk und dem Hafen Sassnitz.

Doch der wirtschaftliche Durchbruch der Linie lässt noch auf sich warten: Vor allem beklagt die Railion Deutschland AG, die mit dem Betreiber der Fährlinie - der Reederei DFDS Lisco - kooperiert, noch die Unpaarigkeit der Beladungen. Der Rücklauf aus Russland sei noch ausbaufähig, sagte Eckart Fricke, Railion-Vorstand für Einzelwagenverkehre, im jüngsten Newsletter des Fährhafens. Als ein weiterer kritischer Faktor wird die mangelnde Verfügbarkeit von Waggons in Russland eingeschätzt.

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