Russen ankern in Wismar

Einer der größten Firmenverkäufe in MV ist perfekt: Russische Investmentbanker übernehmen das Ruder in den Aker-Werften in Wismar und Warnemünde und sichern den ostdeutschen Schiffbauern damit den besseren Einstieg in den lukrativen russischen Markt. Die Investoren versichern: Lohn, Beschäftigung, Unternehmensorganisation - alles bleibt beim Alten.

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26. März 2008, 09:52 Uhr

Wismar - Eigentümerwechsel in Wismar und Warnemünde – für Gerd Eichler nichts Neues. Seit 30 Jahren baut der Elektriker Schiffe. Die gescheiterte Privatisierung an den Bremer Vulkan-Verbund und der folgende Einstieg des norwegischen Schiffbauers Aker in Wismar, der Verkauf an den Kvaerner-Konzern in Warnemünde: „Seit der Wende haben wir schon viel durch“, meinte der 49-Jährige gestern. Und doch sorgen die Millionendeals jedesmal für Unruhe im Dock. „Hoffentlich behalten wir den Schiffbau und es geht nicht nur ums Geld.“

Die Unsicherheiten versuchte Tom Einertsen gestern zu zerstreuen. Der 70-prozentige Einstieg der russischen Investmentgesellschaft FLC West in die Aker-Werften in Wismar, Warnemünde und im urkrainischen Nikolaev sichere die Zukunft der Standorte, meinte der Chef des Aker-Handelsschiffbaus. Das Geschäft sei eine Gelegenheit für Aker, in den zukunftsträchtigen russischen Markt zu kommen. Wismar und Warnemünde seien als vollwertige Schiffbaustandorte sicher. „Es wird keine Veränderungen bei den Mitarbeitern und den Entgelten geben.“ Das neue Gemeinschaftsunternehmen wolle weiter „komplexe Schiffe“ bauen und damit den wachsenden Bedarf russischer Gas- und Öl-Unternehmen nach Spezialschiffen für den Transport der Energieträger erfüllen. Es sei nicht vorstellbar, das technologische Know-how ungenutzt zu lassen, um Werften z. B. nur noch als Ausrüster wirtschaften zu lassen, wehrte er Abbaubefürchtungen ab. Bereits in der kommenden Woche würden Verhandlungen mit Auftraggebern beginnen. „Ich glaube fest an unseren Partner“, so Einertsen. Aker und FLC seien angetreten, den Wertschöpfungsgrad weiter zu erhöhen. Da offenbart sich vor allem auf der ukrainischen Werft Nachholbedarf. Während in Wismar und Warnemünde 2300 Mitarbeiter jährlich 110 000 Tonnen Stahl verarbeiten, schaffen in der Ukraine 2500 Beschäftigte 30 000 Tonnen.

Mit FLC West steigt ein staatlich kontrolliertes Investmentunternehmen mit Beteiligungen in Höhe von 960 Mio. Euro in den ostdeutschen Schiffbau ein, das gegründet wurde, um in Industrien von strategischer Bedeutung zu investieren. Wirtschaftsminister Jürgen Seidel (CDU) äußerte sich zuversichtlich zu der Übernahme. Die Werften seien „lukrativ und werthaltig“. Die beiden Werften seien gut am Markt positioniert. „Der Einstieg des russischen Investors FLC bietet mittel- und langfristig die Chance, die bestehenden Geschäftsbeziehungen auszubauen“, so Seidel. Der Modernisierungsbedarf der russischen Schifffahrt sei immens. Die Mehrzahl der russischen Schiffe ist älter als 25 Jahre.

Russische Auftraggeber sind in Wismar indes keine Unbekannten. Derzeit sind dort eisgehende Fracht- und Containerschiffe in Bau. „Der russische Markt ist groß, unser Know-how kann hier eine Bereicherung sein“, erklärte Warnemündes Betriebsratschef Harald Berndt die Entscheidung. „Seit dem vergangenen November brodelt die Gerüchteküche. Wir sind froh, dass jetzt endlich das Hickhack beendet ist und Klarheit herrscht“, begrüßte Berndt die Entscheidung. Und auch die IG Metall sieht in dem Verkauf auf den ersten Blick eher Chancen als Risiken. „Alles deutet auf ein langfristiges Engagement hin“, meinte Werftenexperte Thomas Rickers. Für Heuschrecken seien die Werften wegen der zu geringen Ergebnisaussichten nicht interessant.

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