Risiko Arztbesuch

Unerkannter Krebs, schlecht operierte Brüche, falsche Diagnosen: Trotz aller Kampagnen zur Sicherheit in der Medizin haben Ärzte im vergangenen Jahr bei 2095 Patienten Fehler gemacht. In 1717 dieser Fälle stellten Gutachter der Ärztekammern Schäden und einen Schadenersatzanspruch fest, berichtete die Bundesärztekammer.

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03. Juni 2008, 08:55 Uhr

Berlin - Fehler in Arztpraxis oder Krankenhaus können jeden treffen. Zwar verläuft der Großteil der 400 Millionen Kontakte zwischen niedergelassenen Ärzten und Patienten und der 17 Millionen Klinikbehandlungen im Jahr nach den Regeln ärztlicher Kunst. Aber viele Patienten verlassen Krankenhäuser und Sprechstunden mit einem unguten Gefühl.

Viele sorgen sich zu Recht, wie die 7049 Gutachten der zuständigen Stellen der Ärztekammern aus dem vergangenen Jahr zeigen. In 1717 Fällen erkannten die unabhängigen Gutachter auf Kunstfehler mit teils gravierenden Folgen.

So ließ sich ein 57-jähriger Mann von seinem Hausarzt auf Blut im Stuhl und Tumormarker untersuchen. Der Arzt findet Blut im Stuhl – führt das aber auf das Medikament ASS zurück, das der Mann wegen eines anderen Leidens bekommt. Mehr als ein Jahr lang bleiben abgetastete Schmerzstellen ohne Befund oder werden falsch gedeutet. Erst ein halbes Jahr nach der Blutuntersuchung veranlasst der Hausarzt eine Computertomographie. Diagnose: Dickdarmkrebs. Bereits als das Blut im Stuhl war, hätte er eine Darmspiegelung veranlassen sollen, so die Gutachter.

In einem anderen Fall unterzog sich eine 49-jährige Frau einer Ohroperation. Als sie aufwacht, ist ihr Gesicht gelähmt. Der Arzt hatte die Gehörknöchelchenkette und einen Nerv beschädigt. Die Frau bleibt auf dem Ohr taub. Gegen den Verlust der Gleichgewichtsfunktion des Ohrs muss sie Trainingsstunden absolvieren. Die Gutachter stellen fest, dass der Eingriff nicht wie vorgeschrieben vorsichtig Schritt für Schritt ausgeführt wurde.

Bei einem dritten Fall wurde ein 16-jähriger Jugendlicher am Herzen operiert. Mehr als 13 Jahre lang klagt er daraufhin über mangelnde Belastbarkeit, bricht deshalb eine Lehre ab und fühlt sich dem Alltag nicht gewachsen. Erst dann stellt ein Herzspezialist fest, dass im Blut des Mannes zu wenig Sauerstoff ist. Bei der Operation wurde eine Vene falsch angeschlossen.

Bei Arztpraxen steht nach Angaben der Bundesärztekammer Brustkrebs auf Platz eins der am häufigsten falsch behandelten Krankheiten. Platz zwei belegt die Fehlbehandlung von Brüchen der Hände oder Handgelenke, Platz drei die von Rückenschmerzen. In Kliniken wird die Liste von der Hüftgelenkarthrose angeführt. Auf Platz zwei folgen Brüche des Unterschenkels oder Sprunggelenkes, auf Platz drei des Oberschenkels.

Die Zahl der Patientenbeschwerden bei den Gutachterstellen der Kammern stieg 2007 im Vergleich zum Vorjahr von 10 280 auf 10 432 an. Weitere 30 000 Patienten hätten sich schätzungsweise bei Gerichten, Versicherungen und Krankenkassen beschwert.

Narkosearzt Walter Schaffartzik, Vorsitzender der Schlichtungsstelle der norddeutschen Ärztekammern, sagte, dass der Kampf um mehr Sicherheit für die Patienten mühsam ist. „Das ist ein weiter, langer und sehr, sehr schwieriger Weg.“

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