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13. Dezember 2017 | 19:52 Uhr

Richter als Geburtshelfer

vom

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erstellt am 07.Mai.2010 | 07:06 Uhr

Rostock | Die Erleichterung nach dem Urteilsspruch stand Ines S. ins Gesicht geschrieben. Sie ließ ihren Freudentränen freien Lauf, kaum, dass der Richter am Oberlandesgericht Rostock gestern die Entscheidung verkündet hatte. Das Klinikum Neubrandenburg muss die neun Eizellen herausgeben, die dort im Reagenzglas mit dem Sperma ihres Ehemanns eingefroren sind und um die Ines S. so lange gekämpft hat. Ihr Mann Sandro war 2008 bei einem Unfall ums Leben gekommen, bevor Ines S. künstlich befruchtete Eizellen in die Gebärmutter eingesetzt werden konnten.

Während die 29-Jährige noch weinend in den Armen ihrer Schwester liegt, erklärt ihre Anwältin Silke Mettner den zahlreichen Medienvertretern: "Die letzten Jahre waren eine erhebliche seelische und körperliche Belastung für meine Mandantin. Aber nun kann sie sich und ihrem verstorbenen Mann ihren Herzenswunsch erfüllen und Mutter werden." Nach einer gewissen Erholungszeit werde sie den nächsten Versuch, schwanger zu werden, wagen. Die Witwe hatte zum ersten Prozess 2009 am Landgericht Neubrandenburg erklärt, dass sie die Behandlung in Polen fortsetzen wollte. Aus Kostengründen und wohl auch wegen der, wie ihre Anwältin sagt, "komplizierten standesärztlichen Regeln" in Deutschland.

In erster Instanz hatte das Neubrandenburger Landgericht gegen Ines S. entschieden und damit ihrem Kinderwunsch zunächst ein Stoppzeichen gesetzt. Der Senat am Oberlandesgericht ist nun zu einem anderen Urteil gekommen. Mit der Herausgabe der Eizellen verstoße die Klinik nicht, wie von dieser befürchtet, gegen das Embryonenschutzgesetz. Strafbar wäre es, die Eizelle mit dem Samen eines Toten künstlich zu befruchten. Hier aber sei das Sperma schon zu Lebzeiten des Mannes "verwendet" worden und eine "innige Verbindung" mit der Eizelle eingegangen. Auch wenn es noch nicht zu einer Verschmelzung der Kerne gekommen war - Voraussetzung für die Entstehung eines Embryos. Der Prozess der Befruchtung sei durch das Einfrieren lediglich unterbrochen worden.

Vertreter der Klinik waren gestern nicht im Gericht. Professor Roland Sudik, Chefarzt der Frauenklinik, hatte aber schon zu Prozessbeginn erklärt, die Entscheidung des Oberlandesgerichts in jedem Fall zu akzeptieren. "Wir wollen der Frau keine Steine in den Weg legen. Alles, was wir wollen, ist Rechtssicherheit", hatte er betont. Das hatten auch Silke S. und ihre Anwältin akzeptiert, die nicht von einem "Streit" mit der Klinik sprechen wollten. "Für meine Mandantin ist die Entscheidung wichtig. Auch, wenn sie mal einen neuen Partner haben sollte, ist sie auf die künstliche Befruchtung angewiesen, um schwanger zu werden."

Die Richter hatten bei der Entscheidung auch das noch gar nicht geborene Kind im Auge. Sein Wohl sei nicht gefährdet, weil der verstorbene Ehemann das Kind unbedingt gewollt habe, argumentierten sie. "Ich denke, mit dem Urteil haben wir einen Stein ins Rollen gebracht", sagt die Rechtsanwältin. Das Embryonenschutzgesetz aus dem Jahr 1991 habe Lücken. Der Druck auf die Politik, das Gesetz zu überarbeiten, sei nun größer.

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