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25. November 2017 | 10:49 Uhr

Revierkampf der Kammerfürsten

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erstellt am 20.Jan.2010 | 11:19 Uhr

Schwerin/Rostock/Neubrandenburg | Aus seinem Ärger macht er keinen Hehl: "Wir sind nicht einen Schritt weitergekommen", regt sich Wolfgang Hering auf. Seit der Präsident der Industrie- und Handelskammer Rostock vor einem Jahr von seiner Vollversammlung mit Fusionsgesprächen mit den Kammern in Schwerin und Neubrandenburg beauftragt wurde, kamen die Verhandlungen über zwei Spitzentreffen nicht hinaus. Für Hering ein Desaster: "Die in MV in den 90er-Jahren entstandenen Strukturen haben nicht für immer und ewig Bestand", meint er. "Wenn wir mit der Kreisgebietsreform von anderen weniger Bürokratie fordern, gilt das auch für uns."

Unternehmer zahlen Millionenbeiträge

Damit kann er bei seinen Amtskollegen in Schwerin und Neubrandenburg bisher nicht landen. Seit vor einem Jahr das Schweriner IHK-Vollversammlungsmitglied Holger Dau aus Lübz in einem Positionspapier den umstrittenen IHK-Neubau in Schwerin mit einer möglichen Fusion begründet hatte, ist die Kammerwelt in Unruhe geraten. Rostock ging seinerzeit in die Offensive und klagte eine stärkere Kooperation ein, mit dem Ziel der Fusion der drei Kammern in MV zu einer Landeskammer. Ein Jahr später sind die IHK genauso weit wie zuvor - jeder bleibt Fürst in seiner Region.

Das kommt die Unternehmer teuer zu stehen. Fast 20 Millionen Euro kostet sie die Selbstverwaltung der Wirtschaft im Jahr. Bislang leisten sich die drei Kammern mit 75 000 Mitgliedsfirmen drei Parallelverwaltungen mit 199 Beschäftigten, drei Hauptgeschäftsführern, sechs Geschäftsführern in Rostock, vier Geschäftsbereichsleitern in Schwerin, drei in Neubrandenburg - mit identischen Aufgaben. Und drei üppige Amtssitze: 30 Millionen Euro teuer. Allein 14 Millionen Euro kostete das teuerste Kammergebäude in MV, das ab morgen bezugsfertige Ludwig-Bölkow-Haus in Schwerin.

Schlimmer noch: Inzwischen bunkern die Kammern Millionen. Nach Berechnungen des Bundesverband für freie Kammern (BFFK) in Kassel haben die 80 Kammern in Deutschlands hochgerechnet 1,7 Milliarden Euro an Rücklagen und Rückstellungen gebildet - aus Beitragsgeldern der Mitglieder. Für Neubrandenburg ermittelte der BFFK beispielsweise Ende 2007 sieben Millionen, für Rostock sogar 16,7 Millionen Euro.

An den Kammerstrukturen wird offenbar auch in den nächsten Jahren nicht gerüttelt. Offiziell verwehren sich alle drei Kammern "ergebnisoffenen Gesprächen" nicht. Intern aber verteidigt vor allem Neubrandenburg seine Kammergrenzen vehement. Dabei lotet ein Strategiepapier der Kammer Rostock zunächst erst einmal nur tatsächliche Kooperationsmöglichkeiten aus. In der Datenverarbeitung, mit gemeinsamen Ausschüssen, in der Verwaltung: Überall gebe es Rationalisierungseffekte, schlägt Hering vor. Keine Chance: Stattdessen versteckten sich die Kammern hinter der bestehenden Landesarbeitsgemeinschaft. Damit werde lediglich "der Schein gewahrt", sagt der Kammerchef aus der Hansestadt. "Alles nur Worthülsen."

Dabei liege ein Konzept Schwerin als auch Neubrandenburg bereits seit Monaten vor. Bislang keine Reaktion, ärgert sich Rostocks Präsident. Ihm reicht es: "Wir haben ein Jahr stillgehalten", sagt er. Jetzt müssen die Verhandlungen endlich forciert werden, fordert er Ergebnisse. "Wir müssen über richtige Kooperationen reden."

Neubrandenburg lehnt Fusion kategorisch ab

Die Vorbehalte sind immens, die Angst vor Einflussverlust groß. "Der Ein spareffekt wird oft überzogen dargestellt", lehnt Neubrandenburgs Kammerpräsident Manfred Ruprecht eine Fusion ab. Präsidium und Vollversammlung hätten sich positioniert: Es sollen "ergebnisoffene Gespräche" geführt werden, aber nur über eine stärkere Kooperation. Im Vordergrund müsse die individuelle Betreuung der Unternehmen vor Ort stehen. Dazu habe die Kammer Neubrandenburg z. B. eigene Vollversammlungsgruppen in den Regionen gebildet und aus jedem Kreis einen Vizepräsidenten aufgestellt. Mit einer Kammerfusion drohten "die Unternehmen aber in die Anonymität zu rutschen". Ruprecht kategorisch: "Es gibt derzeit keine Möglichkeit für eine Kammerfusion." Schwerin wird indes konkreter: Zwar müsse eine "Basisversorgung bleiben", erklärte Kammerpräsident Hans Thon. Bei der Gebührenabrechnung oder im IT-Bereich sei eine Zusammenlegung durchaus denkbar. Eine schnelle Fusion schließt indes aber auch Thon aus.

"Wenn wir nichts tun, werden es andere tun"

Noch pflegen die Kammerfürsten den Revierkampf. Dabei geht es erst in einem zweiten Schritt um eine Fusion. "Unsere Stärke liegt in der Region", meint Hering. An der Präsenz vor Ort dürfe auch nicht gerüttelt werden. Und trotzdem könnten "sinnvolle Sachen zusammengelegt werden", fordert Hering. "Ob am Ende der Verhandlungen eine Kammer steht oder drei Kammern in einer wirklich kooperierenden Landesarbeitsgemeinschaft" müsse die Entwicklung zeigen. Eins ist Hering klar: "Wenn wir nichts tun, werden es andere tun."

Der bisherige Widerstand in der Kammerszene ist Wasser auf die Mühlen jener, denen das Kompetenzgerangel der Kammern mit ihrer per Gesetz geregelten Mitgliedschaft schon seit Jahren ein Dorn im Auge ist. Doch die Kammern, die periodisch wegen ihrer Zwangsmitgliedschaft unter Druck geraten, werden nicht umhinkommen, die Selbstverwaltung der Wirtschaft zu straffen. 80 IHK bundesweit, die Anzahl wird kaum zu halten sein, meinen Kritiker. Vor allem in den alten Bundesländern gebe es eine Vielzahl von Kammern, die "wie Fürstentümer" organisiert seien, kritisiert BFFK-Bundesgeschäftsführer Kai Boeddinghaus. Dabei gehe es nicht darum, die Kammern abzuschaffen. Die hätten "sinnvolle Aufgaben zu erfüllen", für die sie auch notwendige, dezentrale Strukturen bräuchten, erklärte Boeddinghaus. "Die Frage ist aber, ob man in Mecklenburg-Vorpommern drei Kammerpräsidenten, drei Hauptgeschäftsführer und diverse Geschäftsführer braucht."

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