Reise in dunkle Vergangenheit

Ein dunkles Kapitel der deutschen Geschichte nahmen Schüler des Fachgymnasiums Ludwigslust und des Schinkel-Gymnasiums Neuruppin gemeinsam unter die Lupe. Von den Landtagen Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg eingeladen, besuchten sie die Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück.

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30. Mai 2008, 06:52 Uhr

Ravensbrück - Mit einem mulmigen Gefühl im Bauch beziehen Schüler und Lehrer ihr Quartier auf dem Gelände des ehemaligen Frauen-KZ Ravensbrück. „Es fällt mir schwer, hier zu übernachten“, sagt Marina Penndorf, Schülerin des Fachgymnasiums Ludwigslust. Denn in den Häusern der Jugendherberge lebten früher die Aufseherinnen, die die unmittelbare Herrschaft über die Gefangenen ausübten, ihnen Befehle erteilten und sie demütigten.

Eine von ihnen war Dorothea Binz. Die Ausstellung „Im Gefolge der SS – Aufseherinnen im KZ Ravensbrück“ berichtet von ihr. Als 19-Jährige bewarb sie sich 1939 um eine Stelle im KZ. Sie wurde stellvertretende Oberaufseherin und leitete das Lager der weiblichen Gefangenen. Ihre Aufgabe war es unter anderem, die vom Kommandanten verhängte Prügelstrafe im Bunker zu vollziehen. Nach Ende des Krieges wurde Binz im Militärprozess gegen die Hauptverantwortlichen der Verbrechen im KZ Ravensbrück zum Tode verurteilt.

Als Häftlinge im KZ Ravensbrück
Eines der Häuser der Jugendherberge ist für die Überlebenden reserviert, die die Mahn- und Gedenkstätte besuchen. „Es hat sehr lange gedauert, bis ich hier das erste Mal übernachtet habe“, sagt Ilse Heinrich, die ein Jahr lang in Ravensbrück gefangen gehalten wurde. Denn hier erlebte sie die schlimmste Zeit ihres Lebens. 1944 im KZ angekommen musste sie sich zunächst duschen und Häftlingskleider anziehen, ihr Kopf wurde kahl geschoren. An ihrer Häftlingskleidung brachten die Aufseher dann einen schwarzen Winkel an, der sie als arbeitsscheu und asozial klassifizierte. Andere Gefangene wurden mit gelben, grünen oder rosa Winkeln als jüdisch, kriminell oder homosexuell gekennzeichnet.

Während ihrer Zeit im KZ musste Ilse Heinrich Zwangsarbeit leisten. Andere Frauen wurden ins nahe gelegene Siemens-Werk oder in andere Betriebe im Umkreis geschickt, sie musste in der Textilfabrik auf dem KZ-Gelände nähen. Die Überlebende erinnert sich genau, was geschah, als die Aufseherin mit ihrer Arbeit einmal nicht zufrieden war: „Mitten im Winter musste ich mich vor der Baracke in den Schnee stellen und bekam einen Eimer Wasser über den Kopf geschüttet. Dann hatte ich so lange dazustehen, bis das Wasser angefroren war.“

Zeitzeugen und Schüler im Gespräch
Auch wenn es schwerfällt, kommt sie gemeinsam mit der Überlebenden Charlotte Kroll immer wieder nach Ravensbrück, um sich den Fragen von Schülern zu stellen. „Wir sehen es als unsere Pflicht an, darüber zu reden“, sagt Charlotte Kroll. Schließlich gebe es nicht mehr viele Zeitzeugen. Und die Schüler danken es ihnen. Gebannt hören sie den Erzählungen der Überlebenden zu und stellen Fragen. Die Jugendlichen interessiert, an was sich die Gefangenen in dieser Zeit festgehalten haben, ob es Versuche gab, auszubrechen, und ob es trotz all des Leides auch Glücksmomente gab. Svenja Heinsohn, Schülerin des Fachgymnasiums Ludwigslust meint: „Schon alleine wegen des Gesprächs mit den beiden Zeitzeuginnen hat es sich gelohnt, hierher zu kommen.“

Und auch Sylvia Bretschneider, Präsidentin des Landtags Mecklenburg-Vorpommern, die den Besuch der Klassen begleitete, zieht ein positives Resumee. „Ich habe den Eindruck, ihr habt die beiden Tage in Ravensbrück intensiv genutzt, um euch mit der Vergangenheit auseinanderzusetzen“, sagte sie zu den Schülern. Nun wüssten die Jugendlichen, warum die Würde des Menschen unantastbar sein müsse. Es sei ihre Aufgabe, dieses Grundgesetz in der Zukunft zu schützen.

Hintergrund: Frauen-KZ Ravensbrück
1939 wurden die ersten 1000 weiblichen Häftlinge nach Ravensbrück gebracht. 1941 wurde dem Frauen-KZ ein Männerlager angegliedert. 1942 entstand in unmittelbarer Nähe das Jugend-KZ Uckermark. Zwischen 1939 und 1945 sind 132000 Frauen und Kinder, 20000 Männer und 1000 weibliche Jugendliche registriert worden. Die Deportierten stammten aus über 40 Nationen. Zehntausende wurden ermordet, starben an Hunger, Krankheiten oder durch medizinische Experimente. Nach dem Bau einer Gaskammer 1944 ließ die SS mehr als
5000 Häftlinge in Ravensbrück vergasen.

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