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Ludwigslust: Biozideinsatz brachte nur mäßigen Erfolg : Raupen und Nester in Eichen gefährlich

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Er lebt in den Eichen der Wälder, Parks und Alleen, frisst dort nahezu alle Blätter auf, um sich dann zu verpuppen. Der Eichenprozessionsspinner besiedelt zu Hunderten die mächtigen Bäume.

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erstellt am 19.Jul.2011 | 11:59 Uhr

Er lebt in den Eichen der Wälder, Parks und Alleen, frisst dort nahezu alle Blätter auf, um sich dann zu verpuppen. Der Eichenprozessionsspinner besiedelt zu Hunderten die mächtigen Bäume und sorgt dort nicht nur für einen Kahlfraß. Die Raupen sind auch gefährlich für Mensch und Tier. Ihre feinen Brennhaare brechen leicht und lösen allergische Reaktionen mit Pusteln bis hin zu Atemwegsreizungen aus. Auch alte Gespinstnester, am Baum haftend oder am Boden liegend, stellen noch monatelang eine anhaltende Gefahrenquelle dar. Jahr für Jahr breitet sich der Eichenprozessionsspinner im Süden Mecklenburg-Vorpommerns weiter aus.

Waren die Raupen mit ihren giftigen Haaren bis vor wenigen Jahren hauptsächlich in Bayern, Baden Württemberg, Hessen Nordrhein Westfalen, Sachsen-Anhalt und Brandenburg zu finden, wandern sie stetig weiter in den Landkreis Ludwigslust ein. Die komplette B 191 zwischen Ludwigslust und Dömitz ist befallen, ebenso Teilstücke an der B 5 sowie die L 7 zwischen Eldena und Glaisin oder die Bäume entlang der L4 und der L 6 zwischen Dömitz und Lübtheen.

Um die Ausbreitung der Raupen zu bremsen und die Bevölkerung zu schützen, wurde Anfang Mai ein Biozid aus der Luft über Alleen und Eichenwäldern ausgebracht. Doch gebannt ist die Gefahr der Raupen und ihrer Nesselhaare nicht. "Es wurden etwa 480 Hektar behandelt", sagt Dr. Joachim Vietinghoff, stellvertretender Direktor des Landesamtes für Landwirtschaft, Lebensmittelsicherheit und Fischerei (LALLF). "Doch es gibt immer noch Schwerpunkte der Population, zum Beispiel um Heidhof herum", sagt Vietinghoff. Warum das so ist, könne er nicht genau sagen. "Dieses Tier gibt rein biologisch noch einige Rätsel auf", so Vietinghoff. Zum einen könnten einige Refugien der Raupen noch nicht entdeckt sein, zum anderen sorge der Wind in den Flugmonaten ab August für eine zum Teil unerwartete Verbreitung. Sogar im südlichen Landkreis Parchim soll der Eichenprozessionsspinner inzwischen angekommen sein.

"Ich bin froh, dass vom Land schnell die notwendigen finanziellen Mittel bereitgestellt wurden, um die Bekämpfung durchführen zu können", so Vietinghoff. Anders sieht er die Einschätzung der Situation von Bundesseite. "Die Mittel, die wir gerne einsetzen würden, dürfen wir nicht benutzen, weil von einer vermuteten allergenen Wirkung für den Anwender ausgegangen wird", sagt der stellvertretende Direktor des LALLF mit Unverständnis. Denn die starke allergene Wirkung der Nesselhaare für Anwohner, Passanten und Tiere ist nachgewiesen.

Nesselhaare behalten Gefahr und können verweht werden

Und die Gefahr endet nicht mit der aktuellen Verpuppung der Raupen oder mit Beginn der Flugphase als Falter. Denn die Nesselhaare bleiben in den Gespinstnestern und behalten noch über Jahre ihre Fähigkeit, Pusteln, Juckreiz und sogar Atemwegsreizungen auszulösen. Auch Schwindelgefühl, Benommenheit, oder Fieber sind auf die Giftwirkung zurückzuführen. Daher wird auch in den kommenden Jahren gegen die Eichenprozessionsspinner vorgegangen werden müssen. Dabei ist auch die Bevölkerung gefragt. Zwar sollte man einen Befall mit Raupen im eigenen Garten nicht selber versuchen, zu behandeln, aber die zuständigen Behörden beim LALLF, dem Landwirtschaftsministerium in Schwerin oder die Forstämter sind für Informationen über Populationen dankbar. "Wir können aber leider keine Hilfe zur Selbsthilfe bieten", sagt Dr. Joachim Vietinghoff, der dringend davon abrät, Gespinstnester selber zu entfernen. "Unsere Mitarbeiter hatten zum Teil Hautreizungen, als wären sie in ein ganzes Feld von Brennnesseln gefallen", schildert er und warnt davor, dass noch in den nächsten Monaten Gespinstnester vom Wind oder durch Regen von Bäumen geweht werden können. Sie sollten auf keinen Fall berührt werden, auch wenn sie zum Beispiel auf einen Weg gefallen sind.

Neben der Gefahr für Mensch und Tier schädigen die Eichenprozessionsspinner die Bäume von denen sie leben. "Eine kahl gefressene Eiche bildet jetzt ungefähr den so genannten Johannistrieb und könnte so den Schaden kompensieren, während die Raupe im Puppenstadium ist", sagt Vietinghoff. Allerdings sind diese Johannistriebe anfällig für andere Schädlinge wie Mehltau. So kann es innerhalb weniger Jahre zur starken Beeinträchtigung der Vitalität kommen. "In Niedersachsen gibt es schon erste Totalschäden und Berichte von Eichensterben auf bis zu 25 Hektar", berichtet Vietinghoff, der so etwas in Mecklenburg-Vorpommern vermeiden möchte.

Dazu wünscht er sich mehr Möglichkeiten im Kampf gegen die Raupen. "Ich würde gerne ein Mittel benutzen dürfen, dass den Druck aus dem betroffenen Territorium nimmt", sagt er. Warum der Eichenprozessionsspinner immer mehr zu einem Problem wird, kann er nicht erklären. "Er ist hier eigentlich heimisch, war aber lange unauffällig. Seit etwa zehn Jahren weitet sich die Population aber stetig von Süden her aus. Etwa 2007 wurden Eichenprozessionsspinner zwischen Dömitz und Eldena entdeckt", so Vietinghoff, der gerne mehr Erkenntnisse über die Probleme bringende Raupe hätte.

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