Punks als Existenzgründer - Ein Schweriner Paar balanciert mit seinem alternativen Café zwischen Gastronomie und Sozialarbeit

Caroline Kostial eröffnete vor drei Jahren gemeinsam mit ihrem Freund das erste Punkrockcafe Schwerins, das 'Subversiv'.  Foto: ddp
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Caroline Kostial eröffnete vor drei Jahren gemeinsam mit ihrem Freund das erste Punkrockcafe Schwerins, das "Subversiv". Foto: ddp

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28. August 2008, 01:59 Uhr

Schwerin - Sieben Tage die Woche steht Caroline Kostial hinterm Tresen. An Urlaub ist nicht zu denken. Trotzdem lächelt die 26-jährige Schwerinerin zufrieden, denn es ist ihre Theke. Vor drei Jahren eröffnete die damals arbeitslose Heilerzieherin gemeinsam mit ihrem Freund, Dirk Finger, das erste Punkrockcafé Schwerins.

Seitdem ist das „Subversiv“ der etwas eigene Treffpunkt für diejenigen Schweriner, die Anderes suchen als den „Mainstream“ der Szene-Discos. Die zwei punkorientierten Existenzgründer sind stolz, dass ihr Café die erste Hürde geschafft hat: Der Kredit ist abbezahlt, der Laden trägt sich, auch wenn er ihnen vorerst keine Auszeiten gönnt.

„Im Vergleich zu den anderen sind wir unschlagbar“, sagen die Jungunternehmer selbstbewusst über die Konkurrenz in der Schweriner Kneipenszene. An ein eigenes Gastronomie-Unternehmen hätten sich Dirk und Caroline allerdings nicht ohne ein Existenzgründerdarlehen des Landes gewagt. „Ohne die Starthilfe hätten wir es nicht geschafft“, davon sind beide überzeugt.

Nachdem die angehende Heilerzieherin ein halbes Jahr lang keine Anstellung in Einrichtungen für Menschen mit Behinderungen fand, ließ sich Caroline vom Arbeitsamt eine Weiterbildung zur Gastronomin vermitteln. Ein Punkrock-Café erschien die perfekte Ergänzung zum Musik-Label „SN-Punx“ ihres Freundes. Mit Dirks Musik-Know-how und Band-Kontakten sollte das „Subversiv“ auch kulturell „Hausgemachtes“ bieten.

Von der „No Future“-Tradition des „Urpunk“, als Arbeit noch verachtet wurde, sind die beiden Existenzgründer meilenweit entfernt. „Staatsknete“ für das eigene Geschäft? - gab es zu DDR-Zeiten sowieso nicht und auch nach der Wende tat das kein Punk.

Doch mit der Zeit hat ein gewisser Pragmatismus die Anti-Arbeitsideologie in der Szene abgelöst. Das „Subversiv“ ist typisches „Do ist yourself“ (deutsch etwa: Die Sache in die eigene Hand nehmen).

Zu den neuen Gästen der Musikkneipe gehören nun neben Punks auch Grufties, Metallern, Skins, Rastafaris und „Normalos“. Das Publikum im „Subversiv“ ist ähnlich bunt wie die Frisuren mancher Gäste - doch Klischees passen nicht zu dem Alternativcafé: stumpfes Musik-Geschrammel oder massenweise Dosenbier gibt es dort nicht.

Vielmehr verstehen die Inhaber ihr Eckcafé auch als eine Art Jugendsozialarbeit und Subkultur-Pflege auf eigene Faust: „Wir wollten etwas für die Leute machen, die sonst nicht wissen wohin“, sagt Caroline, von ihren Stammgästen kurz „Caro“ genannt.

Es sei schon zu merken, dass immer mehr Geld für Jugend- und Sozialarbeit gekürzt werde, ergänzt ihr 34-jähriger Partner. Früher habe es mehr Orte gegeben, wo Jugendliche hingehen konnten, findet der ehemalige Student des Wirtschaftsrechts.

Nicht wenigen Eltern erleichtert das „Subversiv“ prompt die alltägliche Suche nach ihren Kindern. Viele Jugendliche fanden nach der Schule dort einen Ort zum „Abhängen“ und bei Caro ein offenes Ohr. Väter und Mütter hinterließen ihr Telefonnummern und wussten dabei ihre rebellierenden Zöglinge in guten Händen. Diese wurden dort derweil mit Kickerturnieren, Rommé- oder Mensch-Ärgere-Dich-Nicht-Spielen beschäftigt. So komme ihre Ausbildung als Heilerzieherin doch noch etwas zum Tragen, freut sich Caro.

Nach anfänglichen Berührungsängsten der gediegenen Nachbarschaft kommen inzwischen auch Anwohner in die hellblau und orange gestrichenen Räume. „Das Subversiv ist wie eine Familie. Wer hier ankommt, wird sofort aufgenommen“, beschreibt Caro ihre Philosophie.

So unterschiedlich ihre Gäste auch seien, eins verbinde den bunten Haufen: „Wir sind alle gegen Rechts!“ Der Ärger mit „den Rechten“ sei dann auch nicht ausgeblieben. Gleich nach der Café-Eröffnung seien Steine durch die Fenster geflogen und Hakenkreuze an der Außenwand aufgetaucht. „Weil wir eben die Einzigen sind, fällt alles auf uns zurück“, erklärt Dirk.

Trotz Businessplans und strikt durchgerechneten Geschäftskonzepts - ihren Idealismus wollen sich die beiden Punks erhalten: „Alles soll so billig wie möglich bleiben. Das kleine Bier oder die Cola gibt es für einen Euro“, sagt Caro. Große Sprünge können die Jungunternehmer angesichts dieser Geschäftsprinzipien zwar nicht machen. „Punk ist ne Lebenseinstellung, nämlich das zu tun, was man will“, erklärt Dirk. Aber immerhin seien sie nun ihre eigenen Chefs.

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