Haftstrafe im Marathon-Prozess gefordert : Prozess-Puzzle mit Lücken

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Der Marathon-Prozess um einen Auftragsmord in Schwerin steht nun kurz vor dem Abschluss. Die Staatsanwaltschaft forderte in ihrem Plädoyer vor dem Landgericht Schwerin sieben Jahre Haft für einen 44-jährigen Kölner.

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11. Januar 2013, 08:25 Uhr

Schwerin | Der Marathon-Prozess um einen Auftragsmord in Schwerin steht nun kurz vor dem Abschluss: Gestern hielten Staatsanwaltschaft und einer von zwei Verteidigern vor dem Landgericht ihre Plädoyers. Für die Anklagevertreter fügen sich nach vierjährigem Prozess nun viele Teile zu einem "Puzzle" zusammen. Für die Verteidigung steht am Ende nur fest, dass nichts feststeht. Dementsprechend unterschieden sich die Schlussfolgerungen: Pflichtverteidiger Jörn Gaebell forderte Freispruch, das Staatsanwalts-Duo Thorsten Kopf und Michael Gerlinger dagegen sieben Jahre Freiheitsstrafe für versuchten Mord. Dass es nicht 10 Jahre wurden, habe der Angeklagte nur der ungewöhnlich langen Verfahrensdauer zu verdanken, was als mildernder Umstand gelte.

Mit dem "Puzzle" fügt die Staatsanwaltschaft folgendes Bild zusammen: In einer Septembernacht 1995 lauert der Angeklagte Frank H. gemeinsam mit einem Mittäter dem Opfer auf. Einer von beiden feuert auf den Mann. Wer, bleibt offen. Der Schwerverletzte überlebt wider Erwarten knapp. Noch heute leidet der inzwischen 55-Jährige an den Folgen der Schüsse. Erkannt hat er die maskierten Täter nicht. Diese sind - da ist sich die Anklagevertretung sicher - gedungen worden. Und zwar vom damaligen Chef des Opfers. Dieser wiederum soll der durchaus vermögende Schweriner Spielothek-Betreiber Manfred N. gewesen sein. Die Staatsanwaltschaft nennt auch ein mögliches Motiv: Der Angestellte könnte dem Spielothekenbetreiber gefährlich geworden sein, weil er unter anderem von Manipulationen an den Spielautomaten wusste. Frank H. habe für den Auftrag umgerechnet zwischen 40 000 und 75 000 Euro kassiert.

N. saß seit Prozessbeginn 2009 wegen Anstiftung zum Mord neben dem Kölner Frank H. auf der Anklagebank. Bis er im vorigen Jahr einen Schlaganfall erlitt. Seitdem ist der heute 66-Jährige verhandlungsunfähig, sein Verfahren wurde abgetrennt. Der Mann, den die Staatsanwaltschaft für den Mittäter hält, kann nicht mehr befragt werden: Er kam Ende 1995 bei einem Motorradunfall ums Leben.

Frank H., den es in den neunziger Jahren aus Köln nach Schwerin verschlug, hatte Kontakt zur Rotlichtszene und war auch der Polizei kein Unbekannter. Aber ein Auftragsmörder? Rechtsanwalt Jörn Gaebell ist überzeugt, dass sein heute 44 Jahre alter Mandant genau dies nicht ist. Er sieht kein "Puzzle", bestenfalls ein äußerst unvollständiges. Es gäbe in diesem Indizienprozess keinerlei Beweise für eine Tatbeteiligung. Die drei Belastungszeugen, auf deren Aussagen sich die Staatsanwaltschaft im Wesentlichen stützt, hätten ihre Kenntnisse lediglich vom Hörensagen und seien nicht glaubwürdig. Einer von ihnen brachte die eingeschlafenen Ermittlungen wieder ins Rollen, als er sich 2004 aus dem Rheinland zu Wort meldete. Sein früherer Kumpel Frank H. habe ihm schon Mitte der neunziger Jahre von der Tat berichtet. Dem Zeugen war nach seiner überraschenden Aussage die Untersuchungshaft in anderer Sache erlassen worden, bestätigte die Staatsanwaltschaft.

Die Verteidigung verweist auch auf Querverbindungen zu einem ähnlichen Vorfall. Dem "Plater Auftragsmord", der ebenfalls 1995 für Schlagzeilen sorgte. Ein dafür bislang nicht verurteilter Schweriner soll als "Vermittler" an beiden Taten beteiligt gewesen sein. Die Anklage ist dem Vernehmen nach bereits bei Gericht. Dort soll auch eine weitere gegen Frank H. liegen. Ihm wird vorgeworfen, zunächst zwei andere Männer für die Schüsse auf der Krösnitz geködert zu haben, die dann aber mit der "Anzahlung" stiften gingen. In der übernächsten Woche soll der Kölner Wahlverteidiger von Frank H. plädieren. Ob noch am gleichen Tag das Urteil verkündet wird, ist offen.

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